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Live On Stage - Archiv

   
 

Jazzfest Berlin 2015: Orientalische Frauenpower und Bowie in der Frontstadt

Tanz auf dem Diwan der Kontinente. Foto: OHA

Nach vier Tagen ging das Jazzfest Berlin 2015 mit vier spannenden Konzerten zu Ende.

Sonntag, 8. November. Der Nachmittag beginnt in der Akademie der Künste mit einem musikalisch-filmischen Trip in das Berlin der Mauer. Der britische Schlagzeuger Dylan Howe hat sich drei Instrumentalstücke von David Bowies in Berlin aufgenommenen Alben „Low“ und „Heroes“ genommen und sie neu arrangiert. Die Songs „Neuköln“ (fälschlicherweise mit nur einem l), „Moss Garden“ und „Warszawa“ bilden die Grundlage für das Projekt „New Designs on Bowie's Berlin“.

Wer also die Vokalsongs von diesen legendären Alben in jazzigen Versionen erwartet hatte, der lag falsch. Denn hier handelt es sich um ein eigenständiges Werk, das mit Bowie Vokalmusik wenig zu tun hat und zu den Bildern von Todesstreifen, Grenzübergängen, dem Kurfürstendamm und dem Alexanderplatz einen recht gefälligen Soundtrack liefert. Statt Marschmusik, Schlager, Beat, Rock oder Punk, dem eigentlichen Soundtrack dieser Zeit, hört man bei Dylan Howe's Subterraneans einen atmosphärischen und gefälligen Modern Jazz plus Synthesizer.

Wachbatallione marschieren zum Synthie-Sound

Mit Bowie an der Mauer: Dylan Howe's Subterraneans. Foto: OHA

Fast jede Melodielinie vom Tenorsaxophon (James Allsopp) wird vom Keyboarder Steve Lodder mit Synth-Streichersound gedoppelt. Dazu sieht man Kinder in Ostberliner Straßen unter Einschusslöchern spielen, Wachbatallione marschieren, Hausfrauen kaufen ein, und man überfliegt die einstigen Großbaustellen und Protzbauten der Mauerstadt: ICC, Stadtautobahn, Märkisches Viertel, Kraftwerke, Bierpinsel, Klinikum Steglitz, Alexanderplatz, Marzahn und viele mehr. Auch die Oranienstraße und der Punk-Club SO36 erscheinen auf der Leinwand hinter den Musikern, aber es gibt keine Bilder vom Schöneberg des David Bowie, keine vom Dschungel, vom Chez Romy oder vom Anderen Ufer, wo Bowie einst Nächte verbrachte. Es ist dennoch ein spannender filmischer Blick in die Frontstadtvergangenheit von Berlin, gepaart mit einem Soundtrack, der die Atmosphäre von Bowie und Brian Enos Tracks jazzmäßig weiterspinnt und das Publikum in der Akademie der Künste überwiegend erfreut hat.

Der Diwan der Kontinente feiert die Migration als Chance

Mit Poesie, Partitur und Power: Cymin Samawatie. Foto: OHA

Im Berliner Festspielhaus wurde derweil die Bühne für 19 Instrumentalisten und drei Sängerinnen gerichtet. Der Diwan der Kontinente geleitet von der persischen Sängerin und Komponistin Cymin Samawatie ist bestückt mit Instrumenten und Musikern aus aller Welt, von der japanischen Kotospielerin Naoko Kikuchi über den Chinesen Wu Wei an der Mundorgel Sheng, bis hin zur arabischen Laute Oud, zu Streichern, Perkussion und Saxophonen, Oboe, Klarinette und Flöten in allen Größen. RBB-Jazzredakteur Ulf Drechsel setzte sich in einer engagierten Anmoderation für einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen ein, schließlich sei auch der Jazz die Musik der Migration und erntete dafür nicht nur Applaus sondern auch vereinzelte Buhs aus dem Publikum im Berliner Festspielhaus.

Das Konzert des Diwan der Kontinente dirigierte die Komponistin und Sängerin Cymin Samawatie mit vollem Körpereinsatz höchstpersönlich. Vertonte persische und türkische Lyrik, Jazzimprovisation und elektronische Verfremdungen traditioneller Perkussionsinstrumente wechseln sich ab. Ein hebräischer Psalm, eine Sure aus dem Koran und ein persisches Gedicht werden gleichzeitig intoniert. Das Orchester mit Musikern der Berliner Jazz-, Klassik und World Music-Szene klingt zumeist kammermusikalisch filigran. Es hebt sich durch einen großen Frauenanteil wohltuend von den reinen Männerbünden der meisten vorangegangen Ensembles des Festivals ab.

Mit Poesie und Schönheit gegen die Irrlichter der Gewalt

Jazz mit türkischen Wurzeln: die Sängerin Defne Sahin auf dem Diwan der Kontinente. Foto: OHA

Das schönste Bild des Abends sind dann die drei Sängerinnen gemeinsam vor dem Orchester in ihren bodenlangen Abendroben und den langen wallenden schwarzen Haaren. Man wünscht sich so viel mehr von dieser poetischen, in sich ruhenden, friedlichen und kreativen weiblichen Kraft, wie sie Cymin Samawatie, Defne Sahin und Sveta Kundish ausstrahlen, für den derzeit von irrlichternden Männern mit Bürger- und Religionskriegen überzogenen Orient, die Welt wäre sicher eine bessere.

Flucht vor der Apartheid in den Jazz

Lauert auf die nächste Idee: Louis Moholo-Moholo. Foto: OHA

Auch der südafrikanische Schlagzeuger Louis Moholo-Moholo hat eine Geschichte von Flucht und Unterdrückung zu erzählen. Er stammt aus dem einst unter der Apartheid leidenden Südafrika und floh 1964 nach London, in die dortige Jazzszene. Zum Berliner Jazzfest kommt der 78jährige im Quartett und hat den Saxophonisten Jason Yarde dabei. Yarde spielt Bariton-, Alto- und Sopransaxophon, letztere auch gleichzeitig und wird bei seinen epischen Soli von Moholos Trommeln vorangepeitscht. Während der Diwan der Kontinente von einer großen Partitur und vielen Noten zusammen gehalten wurde, gilt in Moholos Quartett eine Atmosphäre der geradezu sportlichen Improvisationsfreude zwischen modalem und freiem Jazz, in der man sich gegenseitig lautstark anfeuert und man auch mal weniger schön als laut gemeinsam singt.

Südafrikas Elder States Drummer und Londons junge Garde: Saxophonist Jason Yarde. Foto: OHA

Zum Abschluss des Festivals spielt der afroamerikanische Trompeter Ambrose Akinmusire mit seinem Quartett. Mit einem ausführlichen Solo des 23jährigen beginnt das Konzert. Der laut Donwbeat-Magazin beste Trompeter 2015 zeigt seinen eindringlichen dunklen Ton, der urplötzlich in hell strahlende Höhen aufsteigt. Miles Davis und Louis Armstrong geben sich über Akinmusires Instrument hinweg die Hand.

Harmonie von Trompete und Stimme

Explosiv trifft auf experimentell: Ambrose Akinmusire und Sänger Theo Bleckmann. Foto: OHA

Auch der Sänger Theo Bleckmann, Gast von Akinmusires Quartett, ist mehr ein Instrumentalist als ein klassischer Sänger. Er beherrscht seine Stimmbänder mit der Präzision eines Instrumentalisten und geht bei jedem vibratolosen Ton volles Risiko. Der aus Deutschland stammende und in New York lebende Bleckmann harmoniert hervorragend mit Ambrose' Trompetensound und Spielweise. Bleckmann manipuliert seine Stimme mit Effekten und vervielfacht seine Linien. In einem zackigen Bebop-Marsch paraphrasiert Bleckmann die Trompetenriffs von Ambrose. Lange Töne, Geräusche und rabiate Dynamikwechsel bestimmen die Ballade „Regret No More“. Im nächsten Stück spielt der Trompeter nur einen einzigen Ton, immer und immer wieder, während der Schlagzeuger Justin Brown soliert und das Stück in einem langen Decrescendo verhallt. Das Publikum ist derart elektrisiert, dass zwei Zugaben gespielt werden und das Jazzfest 2015 mit Duke Ellingtons „In A Sentimental Mood“- solo und ohne Mikrofon gespielt - zu Ende geht.

Noch während der ganz unpompösen und gelösten Abschlussfeier an der Bar im oberen Foyer hat der neue Künstlerische Leiter des Jazzfests Richard Williams seine schwarze Kladde unter dem Arm, in der er sich Notizen macht und möglicherweise bereits Ideen für das nächste Jahr sammelt. Der einstige britische Sportreporter, der hier sein erstes Jazzfestival überhaupt geleitet hat, scheint angekommen in Berlin. Er hat einige Neuerungen in Personal und Festivalgestaltung vorgenommen: der langjährige Produktionsleiter Ihno von Hasselt wurde ersetzt durch Nadine Deventer, das Thema Migration in Grafik, Musikprogramm und der Fotoinstallation vor dem Haus bearbeitet. Und mit seinem britischen Understatement hat Williams dem Festival ebenfalls sehr gut getan.

Oliver Hafke Ahmad


Jazzfest Berlin 2015: Charles Lloyd und armenischer Jazz Metal

Auch mit 77 noch hip und gefragt: Tenorsaxophonist Charles Lloyd. Foto: OHA

Samstag, 7. November. Es ist der große Tag des Auftritts von Charles Lloyd, der zuletzt 2011 das Berliner Publikum elektrisiert hatte. Am Nachnmittag wurde die filmische Huldigung seiner Frau Dorothy Parr an den über viele Jahre zurückgezogen lebenden Saxophonstar gezeigt. Nun wurde am Abend erneut vertragsgemäß ein Perserteppich auf der großen Bühne ausgerollt, auf dem Lloyd als inzwischen 77jähriger Hipster mit Hut sein Tenorsaxophon und seine Querflöte aufstellte.

Perserteppich vertragsgemäß ausgerollt

Erst denken, dann spielen - Charles Lloyd spielt keinen Ton zu viel. Foto: OHA

Auch bei Lloyd finden sich traditionelle Musikinstrumente, die dem normalen Jazzinstrumentarium nicht angehören, eine Straußenei-kleine Lyra auf den Knien von Sokratis Sinopoulos, deren nasaler Klang an chinesische Streichinstrumente erinnert. Oder das Cimbalom, gespielt von Miklós Lukacs, das tatsächlich auch im Jazzkontext neben einem New Yorker Schlagzeuger wie Eric Harland bestehen kann, und selbst den genannten Drummer ins Staunen über die perkussive Energie des Saiteninstruments bringt. Charles Lloyd zaubert aus kleinsten zerbrechlichen Linien große Poesie und springt in seinem einstündigen „Wild Man Dance Project“ auch abrupt in rasantere Gangarten um, die sofort an die modale Phase von John Coltrane erinnern. Hier steht ein großer Weiser des Jazz auf der Bühne, der die musikalischen und spirituellen Kulturen der Welt umarmt, ohne dabei sich selbst zu verlieren.

Zog lange die Einsamkeit dem Trubel des Weltruhms vor: Charles Lloyd. Foto: OHA

Jazz Bass bringt den Saal zum Vibrieren

Noch vor Charles Lloyd betrat der armenische in den USA lebende Pianist Tigran Hamasyan in einem vermutlich traditionellen Gehrock die Bühne. Zunächst feinsinnige Klavierlinien wurden dann von dem elektrischen Bass von Sam Minae massiv fundamentiert. Dank diverser Effektgeräte klingt der Viersaiter von Minae wie ein Mini-Moog-Synth, Suboktaven lassen den gesamten Saal vibrieren, Filtereffekte formen „ahs“ und „ohs“. So hat man einen elektrischen Jazz Bass noch nie gehört, dieser Sound würde auch im Techno-Klub Berghain begeistern. Tigran Hamasyans Musik ist brutal laut und brutal polyrhthmisch.

Polyrhythmik auf höchstem Niveau

Zarte armenische Melodien und kraftvolle Rockakkorde: Pianist Tigran Hamasyan. Foto: OHA

Wer hier versucht mitzuzählen hat schon verloren, die Taktarten überlageren und verschieben sich, minimalistische Phrasen werden nach Belieben hin und her geschoben, es ist Polyrhythmik auf höchstem Niveau. Der Pianist spielt immer wieder im Stehen und wirft sich geradezu auf die tiefen Tasten um im Gleichklang mit dem Bassisten mximale Wucht zu erzeugen. Das gefällt nicht jedem im Publikum. Einigen Buhs, die möglicherweise seine pianistische Könnerschaft anzweifeln begegnet Hamasyan mit dem abrupten Wechsel in zarteste Anschlagtechniken. An Morricone erinnert eine mit spitzen Lippen gepfiffene Melodie. Dieser armenische Jazz Metal mit Arthur Hnatek an den Drums macht süchtig nach mehr.

Ultratiefe Bässe und Klavier: Das Tigran Hamasyan Trio. Foto: OHA

Jazz unter Wagners Backenbart

Freitag, 6. November. Der brititsche Pianist Keith Tippett steht am Freitagabend auf dem Programm der Berliner Jazzfests, nachdem am Nachmittag der Albert-Mangelsdorff-Preis der Union Deutscher Jazzmusiker an den Pianisten Achim Kaufmann vergeben wurde. Der Preis ist dotiert mit stolzen 15.000 EUR.

Ein Fels im Meer des Jazz: Der britische Pianist und Komponist Keith Tippett. Foto: OHA

„The Nine Dances of Patrick O' Gonogan“ heißt das Werk, das der grimmig drein blickende britische Altmeister mit dem Wagnerianischen Backenbart auf der großen Bühne im Festpielhaus zur Aufführung bringt. Sein Octet besteht aus jungen Absolventen der Academy of Music, fünf Bläser, plus Rhthmusgruppe, die sich zu einer Minibigband formieren. Zwei Altosaxophonisten, zwei Posaunisten und eine Trompete erschaffen die teils folkloristisch anmutenden Klangwelten des neunteiligen Werkes. Free Jazz Kaskaden, lange schwermütige Akkorde, rasanten Hardboppassagen wechseln sich ab.

Ellington trifft Mingus

Die gelehrigen Schüler und ihr Meister: Das Keith Tippett Octet. Foto: OHA

Geschmeidige Melodien für das führende Altosaxophon erinnern an Ellingtons Leadaltisten Johnny Hodges. Brachiale im Presto gespielte Sätze erinnern mit ihrer Gewlttätigkeit an das Charles Mingus Orchestra und weckt das Publikum aus dem Wohlklang des vorangegangen Satzes. Zu guter letzt betritt Julie Tippetts für ein schwermütiges Lied die Bühne und steht felsenfest hinter der Deckung eines Notenpultes bei „The Dance of Her Returning“.

Latin ohne übertriebene Fröhlichkeit

Puerto Ricanischer Jazz ohne Latin-Klischees: Alt-Saxophonist Miguel Zenón im Quartet mit Hans Glawischnig und Schlagzeuger Henry Cole. Foto: OHA

Ganz ohne Schwermut kommt die Musik des in New York lebenden Puerto Ricaners Miguel Zenón aus. Es gibt bei dem virtuosen Altsaxophonisten, der seine ersten Alben bei Branford Marsalis' Label veröffentlicht hat, aber auch keine übertriebene Latino-Fröhlichkeit. Überhaupt fehlen alle typischen Latin-Instrumente, es gibt keine Congas, keine Timbales, keine Rasseln oder Glocken. Auch der Pianist Louis Perdomo spielt keine repetetiven Montuno-Figuren, deutet sie bestenfalls mal an. Mitreissend polyrhythmisch ist die Musik dank des Schlagzeugers Henry Cole trotzdem. Hans Glawischnig am Kontrabass verzichtet ebenfalls auf klassische Latin-Bass-Grooves und beeindruckt mit solistischer Intensität.

Polyrhythmik auf hohem Niveau: Saxophonist Miguel Zenón und Drummer Henry Cole. Foto: OHA

Zenón treibt sein Altosaxophon zu immer neuen Höhenflügen und huldigt damit sowohl der New Yorker Jazzszene, als auch der eigenen kulturellen Herkunft. Für sein selbst veröffentlichtes Album „Identities are Changeable“ hat er viele Puerto Ricaner interviewt und sich von ihren Geschichten beeinflussen lassen. Herausgekommen ist ein hochmodernes und keineswegs folkloristisches Werk, dass vom Berliner Publikum sehr geschätzt wurde.

Jazzfest Berlin 2015: Improvisatorischer Minimalismus bei maximaler Lautstärke

Maximale Wirkung mit einfachsten Mitteln: Gitarrist Per Steinar Lie vom Trio Lumen Drones. Foto: OHA

Der Freitagabend endete im Berliner Festspielhaus mit dem norwegischen Trio Lumen Drones. Die Seitenbühne wurde dazu mit Sitzsäcken und einer U-förmigen Tribüne ausgestattet. Ein deutlich jüngeres Publikum als im großen Saal lauscht den brachial mit einem Schlagzeugstick bearbeiteten Gitarrensaiten von Per Steinar Lie, dem jazz-rockenden Schlagzeug von Orjan Haaland und den eindringlichen Violinlinien von Nils Okland. Der wechselte zwischendurch mal auf die traditionelle Hardangerfiedel, deren klanglicher Unterschied aber im meditativen Brachialsound der Band nicht wirklich zur Geltung kam. Improvisatorischer Minimalismus bei maximaler Lautstärke feierte hier sein Fest.

Lange Töne und große Intensität bei zumeist hoher Lautstärke: Lumen Drones aus Norwegen. Foto: OHA

Relativ lang, relativ tief

Erster Abend beim Jazzfest 2015 unter dem neuen Künstlerischen Leiter Richard Williams.

Donnerstag, 5. November. Es spielt das international besetzte Berliner Splitter Orchester gemeinsam mit dem Chicagoer Komponisten und Posaunisten George Lewis. Das Splitter Orchester ist ein Zusammenschluss von Musikern der sogenannten Echtzeitmusikszene, in der freie Improvisation, Free Jazz, Neue Musik, akustische, elektroakustische und rein digitale Klangerzeugung zusammenfinden. Ein Programmpunkt, den man auch beim Schwesterfestival Maerzmusik hätte erwarten können. Damit wird eine Szene auf der großen Jazzfestbühne gewürdigt, die sich seit den 90er Jahren eher in kleinen Undergroundklubs in Berlin-Neukölln und Friedrichshain trifft.

Vom Underground auf die große Bühne

Gibt Anweisungen ohne Befolgungszwang: George Lewis. Foto: OHA

Das musikalische Ergebnis der George Lewis-Komposition „Creative Construction SetTM“ ist höchstens für Fans klassischer Bigband-Sounds schockierend. Es gibt lang anhaltende Tontrauben (Cluster-Drones), perkussive Einwürfe. Die Spielanweisungen stehen nicht auf Notenpapier, sondern sind auf teils handgekritzelten, teils ordentlich ausgedrucktem A4-Papier notiert. Jeder der Musiker, die sich alle zugleich als Komponisten, Interpreten und Improvisatoren verstehen, hat einen Stapel davon vor sich auf dem Notenpult liegen und wühlt gelegentlich einen Zettel hervor um ihn nicht dem Publikum, sondern dem Orchester zu zeigen. Darauf stehen Anweisungen wie „Come in as a group“ oder „Crescendo“. Reaktionen auf die ins Halbrund gehaltenen Anweisungen lassen sich allerdings kaum feststellen. Sollen sie das Publikum nur verwirren oder Erwartungen schüren, die dann nicht erfüllt werden, vielleicht auch einfach nur zum aufmerksamen Zuhören anregen?

Würgen mit Dracula-Gebiss

Zu hören ist das ganze Repertoire zeitgenössischer Klänge: Klappern, Schmatzen, Rascheln, Scheppern, Sirren, Flirren, ja selbst Würgen (Ignaz Schick steckt sich ein Dracula-Gebiss in den Mund und würgt in ein schwarzes Kästchen). Metallisches wird fallen gelassen, Plastikbecher werden knisternd zertreten, ein Clavinet wird mit Teebesen bearbeitet, an Becken mit dem Bogen gestrichen. Zwischendurch lassen die Musiker an Posaune, Trompete, Tuba, Bassflöte oder Saxophon auch mal einen langen Ton erklingen oder sich zu einer meist im nichts verlaufenden Phrase hinreißen.

Echtzeitmusik – nicht stürmisch geliebt, aber akzeptiert

Mit Laptop und Posaune: George Lewis neben Klangkünstler Ignaz Schick. Foto: OHA

George Lewis steht dem Ensemble nicht als Leiter vor, sondern sitzt als Gleicher unter Gleichen an einem Tisch, bearbeitet sein Laptop, hält gelegentlich Zettel hoch und spielt zwei drei Posaunentöne. Nach 45 Minuten hält er ein Blatt mit der Frage „End?“ hoch und das Orchester kehrt die letzten Tonsplitter auf. Aus dem zunächst überrascht verhaltenen Applaus wird dann doch noch zumindest bei einem Teil des Publikums etwas mehr Begeisterung, Buhs ist kein einziges zu hören. Die einst undergroundige Echtzeitmusik ist also offensichtlich auch im Jazz-Mainstream angekommen und wird, wenn auch nicht gerade stürmisch geliebt, so doch zumindest wohlwollend akzeptiert.

Cécile McLorin Salvant – hochvirtuos und mehrheitsfähig

Glänzt mit und ohne Mikrophon: Cecile McLorin Salvant. Foto: OHA

Gleich der zweite Act des Abends versöhnt die konservativeren Jazzfest-Besucher und bringt mit dem Quartett der jungen amerikanischen Sängerin Cécile McLorin Salvant mehrheitsfähige Musik aus dem Great American Songbook von Cole Porter über Irving Berlin bis Billie Holiday. Das ist allerdings so hochvirtuos und gleichzeitig individuell und charmant augenzwinkernd dargeboten, dass die Sängerin nach dem Konzert umringt von einer euphorisierten Menschenmenge stapelweise CDs verkauft und signieren muss. Cécile hat keine Scheu vor dem Publikum, sie geht immer wieder zum Bühnenrand, blickt dem Publikum durch ihre weiße Designerbrille direkt ins Auge und erzählt von tiefsten Brustlagen bis hin in schwindelerregende Kopfstimmen singend Geschichten, als wären es ihre eigenen.

Singt jede Geschichte, als wäre es ihre eigene: Cécil McLorin Salvant.

Die handeln häufig von Liebe („I Didn't Know What Time It Was“, So In Love“ oder „Fog“), aber auch vom harten Leben des John Henry, einer Figur der afroamerikanischen Folklore, der mit seinem Hammer Löcher für Sprengmittel in die Felsen eines zukünftigen Eisenbahntunnels schlägt, bis er Tod umfällt. McLorin Salvant intoniert diese Ballade über eine reale historische Figur mit dem mittenbetonten Sound der Field-Recordings eines Alan Lomax. Das Mikrofon kann sie getrost zur Seite legen, ihre Stimme trägt mühelos und eindringlich durch den großen Saal. Die Sänger auf Lomax' Wachswalzen und mit ihnen die Geschichte des Afroamerika erscheinen plötzlich lebendig mitten im Haus der Festspiele. Virtuos, rhythmisch präzise und äußerst kreativ begleitet und kontrapunktiert ihre junge Band diese Glanzstücke vokaler Interpretation. Cécile beherrscht ihre Stimme meisterlich und bannt damit ihr Publikum bis zum letzten Ton.

Rock, Jazz und Minimal mit Akkordeon

Virtuosität und Konzentration: Vincent Peirani. Foto: OHA

Ebenso hochvirtuos endete der Eröffnungsabend im Berliner Festspielhaus mit dem Ensemble des französischen Akkordeonisten Vincent Peirani. Bereits im Vorjahr durften er und sein Saxophonist Émile Parisien im Quartett von Daniel Humair ihre sensationelle Improvisationskunst unter Beweis stellen. Ein Fender Rhodes -E-Piano, ein elektrischer Precision-Bass (sonst eher im Rock zuhause) und ein Schlagzeug formieren das bestens eingespielte Quintett, das von Minimal Music, über rasante Balkan-Folklore zu Musette, Modern Jazz und Rockmusik alles drauf hat. Sie spielen Stücke aus eigener Feder, von Michel Portal oder von Singer-Songwriter Jeff Buckley.

Soliert stets mit vollem Körpereinsatz: Saxophonist Émile Parisien. Foto: OHA

Parisien, kaum größer als sein Sopransaxophon, verrenkt sich bei jedem Ton seiner unfassbaren Tongirlanden, geht in die Knie, tanzt auf einem Bein, reißt die Ellenbogen hoch wie ein Vogel und spielt mit aufgeblasenen Backen. Dabei formt er einen nie schrillen, sondern stets warmen und durchdringenden Klang. Peirani, beim deutschen Label ACT unter Vertrag und zu recht mächtig gepusht, fliegt über die Knöpfe seines Instruments, hält aber auch immer wieder inne, um dem Atem dieses Geräts nachzulauschen. Der (im Vergleich zu Parisien) Riese spielt stets mit nackten Füßen und manipuliert den Klang seines Instruments dezent mit einem Halleffektgerät.

Vielfalt und Aufnahmefähigkeit des Jazz unter Beweis gestellt

Während im A-Trane noch das Trio von Julia Kadel spielt, geht im Festspielhaus der erste Abend des viertägigen Jazzfest 2015 mit einem Empfang des Intendanten der Berliner Festspiele zu Ende. Die drei Konzerte des Abends haben einmal mehr die Vielfalt und Aufnahmefähigkeit des Jazz für die unterschiedlichsten Spielkulturen und selbst experimentellste Konzepte unter Beweis gestellt und die Fähigkeit auch scheinbar allzu Bekanntes immer wieder neu und frisch erklingen zu lassen.

Oliver Hafke Ahmad

www.berlinerfestspiele.de/jazzfest


"All der Jazz"

Das Musical Chicago begeistert noch immer mit Tanz- und Gesangskunst, Sexappeal, viel Haut und Witz im Berliner Theater des Westens.

Foto: Promo Stage Entertainment

Oktober 2015. In der Mitte der Bühne türmt sich die 13köpfige Band mit fünf Blechbläsern, drei Holzbläsern, Klavier, Gitarre/Mandoline/Banjo, einem Kontrabass, Schlagzeug, Violine und dem Dirigenten. Die Musik wird damit in den Mittelpunkt gesetzt und den Tänzern bleibt nur ein schmaler Streifen links und rechts der Bandtribüne, sowie die wenigen Meter vor den Musikern.

Doch genau diese räumliche Beschränkung führt zu großer Intensität. Denn das äußerst sexy gekleidete Tanzensemble kann niemals in der Tiefe des Raumes verschwinden, sondern rückt dem Publikum stets am Bühnenrand auf die Pelle. Es muss fast ohne klassisches Bühnenbild auskommen, nur das streifige Licht deutet die Gitter eines Gefängnisses an. Diese Reduktion lässt den Darstellern umso mehr Raum, bürdet ihnen aber auch mehr Pflicht zum Charisma auf. Das vorzügliche Ensemble nimmt diese Hürde mit Bravour.

Beißende Medien- und Gerichtssatire

Die Story aus dem Chicago der 20er Jahre, die auf einer wahren Geschichte beruht, ist simpel und einerseits eine grandiose Showvorlage, andererseits aber auch eine beißende Medien- und Gerichtssatire, die auch heute spielen könnte. Es geht um Roxy, die junge Frau aus der Provinz in der großen Stadt, die ihren Mann in rasender Eifersucht umbringt und im Frauengefängnis von Chicago landet. Dort regiert die korrupte Mama Morton, ein weiblicher Pate, über die anderen weiblichen Häftlinge, die in dem äußerst witzigen Zellenblock Tango ihre jeweils eigene Mordgeschichte erzählen. Selbstverständlich sind alle unschuldig und stets sind die Männer versehentlich in Messer gelaufen – und das gleich zehn Mal.

Die blonde Roxy Hart kämpft um ihr Leben mit allen medialen Tricks, denn ihr droht die Todesstrafe. Doch auch die dunkelhaarige Velma Kelly (Caroline Frank) kämpft um Rehablilitation und träumt von einer Karriere als Showgirl nach dem Knast. Ein windiger und gewiefter Anwaltim Smoking mit weißer Blume im Einsteckloch (überzeugend gespielt von Nigel Casey) soll ihnen dabei helfen, denkt aber vor allen an seinen eigenen finanziellen Vorteil und aalt sich in seiner maßlosen Eitelkeit und Clevernis. Die Medien lassen sich begeistert manipulieren, wenn nur die Story genügend Auflage verspricht. Doch der erhoffte Ruhm für die mörderischen Frauen ist nur von kurzer Dauer, die Aufmerksamkeit der rasenden Reporter gilt danach schnell der nächsten Sensation.

Foto: Promo Stage Entertainment

Carine Keizer spielt die Roxy mit einer Mischung aus Slapstick-Humor, raffinierter Unschuld und gleißendem Sexappeal. Sie strahlt im Berliner Theater des Westens bis in den letzten Rang. Doch auch ihre Kolleginnen stehen ihr in nichts nach, bis in die letzte Nebenrolle herrscht im Ensemble hochprofessionelle gesangliche und tänzerische Überzeugungskraft.

Kleider von heute zum Sound der Vorkriegsära

Die Kostüme mit all ihren durchsichtigen Stoffen, knallengen Tops und viel nackter Haut erinnern weniger an die Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als vielmehr an die Kleiderordnung in den Erotikklubs und -Parties unserer Jetztzeit. Doch die Musik bleibt strikt im Soundgewand der Vorkriegsära, das Schlagzeug swingt, die Bläser umwinden einander in New Orleans-Manier, der Kontrabass marschiert. "All That Jazz" heißt eben nicht nur der größte Hit des Musicalerfolgs von Starchoreograph Bob Fosse. Bereits 1975 wurde der Stoff mit der Musik von John Kander und Fred Ebb zu einem Broadway-Hit mit über 900 Aufführungen und 1988 erstmals in Berlin am Theater des Westens neu inszeniert. 1997 wurde Chicago dann von Walter Bobbie neu inszeniert, reichlich preisgekrönt und ist seither in der heutigen bühnentechnisch reduzierten Fassung zu sehen.

"All der Jazz" heißt es in der gelungenen deutschen Übersetzung, die all den Wortwitz für das Berliner Publikum verständlich macht. Internationale Gäste werden hier möglicherweise enttäuscht sein oder ihre Mühe haben. Das Musicalunternehmen Stage Entertainment spekuliert hier offensichtlich mehr auf ein einheimisches Publikum, als auf fremdsprachliche Touristen, die die Show möglicherweise schon in New York gesehen haben, wo sie seit 1996 ununterbrochen läuft. Chicago ist ein Musicalklassiker, dargeboten von einem großartigen Ensemble und sehr sehenswert. Oliver Hafke Ahmad

Bis 17. Januar 2016 im Stage Theater des Westens in Berlin, Tickets unter www.musicals.de


Elektronischer Jazz zur Blauen Stunde mit Nils Petter Molvaer

Spirituelles und Elektronisches aus Kuba, Norwegen und Jamaika

Der heißeste Tag des Jahres 2015 ist in Berlin auch ein Tag mit gleich zwei absoluten Musikhighlights. Der kubanische Pianist Chucho Valdéz feierte am Sonntag (5.7.) das 40jährige Bestehen seiner Band Irakere mit eine fulminanten Konzert im Haus der Kulturen der Welt (HKW). Und der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer traf auf das Super-Rhythmusduo Sly (Dunbar) und Robbie (Shakespeare) im Kesselhaus der Kulturbrauerei.

Balladesk ist der Auftakt des Abends im HKW. Mit einer vom Flügelhorn gespielten Ballade geht es in kleiner Besetzung mit einem Bolero gemächlich los. Der kahlköpfige Tastenkoloss Valdéz wärmt seine Muskeln und Finger mit perlenden, repetetiven und sich rhythmisch verschiebenden Phrasen in seinem Solo auf. Das Flügelhorn soliert zum sanft dahin schunkelnden Conga-Beat.

Dann wird die Mannschaft um weitere vier Bläser und einen Batá-Trommler vervollständigt und es kommt mächtig Fahrt auf. Ein zunächst noch klar losmarschierender Latin-Jazz-Groove abstrahiert sich im Laufe des Stückes immer mehr zu einem spirituellen Latin-Free-Jazz, in dem die drei Perkussionisten das Kraftzentrum darstellen. Chucho Valdéz zeigt hier vorbildlich seine Wandlungsfähigkeit von fein ziselierten Tonleiterkaskaden kraftvoll gespielten Basstönen und gehämmerten Akkorden bis hin zu überraschenden und wilden atonalen Ausbrüchen mit den gesamten Handflächen über die Breite der Tastatur.

Take Five mit heiligen Batá-Trommeln

Hier spielt keine reine Tanzband zum in Berlin so beliebten Salsa auf, sondern erklingt eine komplexe Musik, die aber nicht nur in den Kopf, sondern auch mächtig in die Beine und die Seele geht. Überraschenderweise geht das abstrakte Stück in die weltbekannte Brubeck-Melodie Take Five über, natürlich afrokubanisch und sehr modern interpretiert . Der Batá-Trommler und Sänger feuert auf seinen drei seitlich liegenden und beidseitig zu spielenden heiligen Trommeln komplexe Grooves ab, die vom afrikanischen und spirituellen Ursprung der kubanischen Musik und des heutigen Latin-Jazz oder der Salsa erzählen. Das Zusammenspiel von Batá, Congas und Schlagzeug sucht seinesgleichen. Schon hier springen Teils des Publikum zu Standing Ovations aus den Sitzen.

Doch auch die lange Liebesgeschichte zwischen kubanischer Musik und dem US-amerikanischen Jazz wird von Chucho Valdéz und seiner Band Irakere hier erzählt. Rasante Linien, der fünf Bläser, die Verwendung des Saxophons, statt der Posaunen und das an Charlie Parker erinnernde Solo des Altosaxophonisten machen die Verbindung deutlich, die bis in die 40er Jahre des Bebop und sogar noch weit bis in die 20er Jahre zurück geht.

Jazz - eine Liebesgeschichte zwischen Kuba und USA

Dass auch der Backbeat-Blues seine Spuren in Kuba hinterlassen hat, zeigt der nächste Song, in dem der Kontrabass federnd in Viertelnoten laufen darf und die Bläser erneut ihre Meisterschaft in Jazzimprovisation zeigen können. Mit Black Mess präsentiert Chucho Valdéz erneut ein zutiefst spirituelles Werk aus dem Oeuvre der seit 40 Jahren existierenden kubanischen Superband. Die Batás, Congas, Kürbisrasseln, Metallglocken und im Chor singenden Stimmen der Musiker rufen Yemaya, die Göttin des Meeres und Mutter aller weiteren Orishas, an. Das Auditorium des HKW wird zur Kirche afrokubanischer Religion und in einer Kirche darf während des Gottesdienstes ebenfalls nicht fotografiert werden, deshalb gibt es auch hier keine Fotos davon. Glückselig, wer dieses Konzert erleben durfte

Jetzt schnell aufs Rennrad, am Kanzleramt vorbei und durch die tropische Hitze von Berlin-Mitte in den Prenzlauer Berg. Auch die dortigen Künstler erschaffen mit Ihrer Musik spirituelle Erlebnisse, auch hier spielt der Rhythmus eine wichtige Rolle. Denn mit Sly & Robbie sind zwei der bekanntesten jamaikanischen Musiker und Produzenten in Berlin. Der Drummer und der Bassist haben aber nicht nur mit ihrer eigenen Taxi Gang jamaikanische Musikgeschichte geschrieben, sondern auch internationalen Popstars wie Grace Jones zu einem tiefen, bis heute gültigen Fundament verholfen.

Klangerzeugung ohne Grenzen: Nils Petter Molvaer singt in sein Trompeten-Clip-Mikrophon

Soundmagier trifft Rhythmus-Arbeiter

Im Kesselhaus der Kulturbrauerei, diesem rohen Industriegebäude mit den hohen unverputzten Wänden treffen sie auf den Soundmagier an der Trompete Nils Petter Molvaer. Wie kein Zweiter zieht der Norweger sein künstlerisches Konzept durch: strikt heutige, elektronisch-modifizierte, aber dennoch live gespielte und vor allem improvisierte und im besten Sinne unerhörte Musik zu machen.

Das Handtuch im Hintergrund lässt die Saunatemperaturen an diesem Abend erahnen: Sly Dunbar trotzdem cool

Dazu hat Molvaer nicht nur seinen alten Weggefährten Eivind Aarset wieder an seiner Seite, der mit der Gitarre im Schoß, einer Batterie Effektgeräte und einem Laptop vor sich krasse Klanglandschaften miterstehen hilft. Brutal verzerrte Akkorde und weite Klangflächen wechseln sich stets dem Gesamtsound dienend ab. Auch Molvaer braucht seine Fußpedale und ein Laptop um aus seiner Trompete einen kranken Chor, ein schreiendes Monster oder einen urzeitlichen Wal zu machen. Hin und wieder erklingt sogar eine eingängige kleine Jazzphrase. Doch zumeist presst Molvaer klagende Töne aus, die dem Publikum den Atem stocken lassen.

Groove ist harte und gefährliche Arbeit: Robbie Shakespeare mit schwarzem Bauhelm

Pink Floyd live gesampelt

Sly & Robbie legen dazu ein konstant wummerndes Fundament, das seine Wurzeln im Reggae nie verleugnet. Sly Dunbar hat zwar Mühe zu Laufen, aber eingekeilt hinter seinem Schlagzeug, im Overall mit glänzend schwarzem Bauarbeiter-Helm, ackert er gnadenlos wie ein Stahlarbeiter am Groove, der in Herz und in die Beine geht. Robbie Shakespeare entlockt seinem vierseitigen elektrischen Standard-Jazzbass die Wärme und Tiefe, die gerade in Berlins Techno- und Elektroszene so geschätzt wird. Zwischendurch gibt er mit Pink Floyds Textzeile „We don't need no education“ auch seine Gesangskünste zum Besten, die dann vom Soundkünstler Vladislav Delay live gesampelt und modifiziert werden. Delay ergänzt das Quintett mit seinen teils selbst gebauten elektroakustischen Perkussionsinstrumenten, spitzen Drähten, einem hängenden Blechstreifen, die dann mittels diverser Effektgeräte düstere Klänge erzeugen.

Molvaer jagt seine Trompete durch einen Ringmodulator, schreit, singt und spricht in sein Trompetenmikro und lässt die Phrasen dann durch seine Effektgeräte zirkulieren. Der Gewitterdonner und die Blitze am nächtlichen Himmel über Berlin während des Konzert könnten auch direkt daher stammen. Ein kraftvolles und sphärisches Konzert an dessen Ende der Unwettergott erschöpft die letzten Tropfen fallen und Blitze zucken lässt. Diese norwegisch-jamaikanische Kollaboration sollte man sich unbedingt anhören, egal bei welchem Wetter.

Oliver Hafke Ahmad

Nils Petter Molvaer ist noch den ganzen Juli mit Sly & Robbie auf Tour: mehr finden auf der Künstlerwebsite.

Mehr über Irakere finden Sie (auf Spanisch) u.a. hier...


Gregory Porter in Berlin - Warme Stimme mit klaren Botschaften

Heiße Sommernacht in der Berliner Zitadelle Spandau. Auf der großen Bühne des Citadel Music Festival steht dazu noch eine der wärmsten Stimmen des aktuellen Jazz: Bariton Gregory Porter. Er mache Jazz für Leute, die keinen Jazz mögen, behauptet das Berliner Radio Eins. Das stimmt nur teilweise, denn auch die Jazzszene weiß, was sie an Gregory Porter hat, auch wenn etliche Songs seiner letzten Platten als Pop- oder Soulballade empfunden werden können.

Nach Berlin ist er nun mit großer Besetzung gekommen, das von dem Briten Jules Buckley geleitete Metropole Orchestra aus den Niederlanden liefert Streicher, Bläser, Harfe, Trompeten, Posaunen, Saxophone und die komplette Rhythmusgruppe mit Schlagzeug, Perkussion, Gitarre, Klavier und Keyboard. Die große Bühne ist so voll, dass für Gregory Porter nur ganz vorn am Bühnenrand Platz ist. Da Porter aber eben doch Jazz- und Gospelsänger ist und daher keinerlei Bühnenshow macht, sondern einfach dasteht und singt, reicht der Platz locker, auch für diesen großen bärigen Mann mit der Figur eines Football-Spielers.

Tribute an Harlem, den Blues und Marvin Gaye

Mit Painted On Canvas schmeichelt sich Porter ins Ohr der Zuschauer, gefolgt von Be Good und Grandma´s Hands, das als fette JazzRock-Ballade mit Hammond-Orgel und Gitarrensolo daher kommt. Natürlich findet er auch im Laufe des Abends seinen Weg nach Harlem (On My Way To Harlem vom Album Be Good), ein pochend voranschreitender Song, der am Ende an Marvin Gaye´s Klassiker (What´s Going On) oder mit seinen „Hey brothers, hey sisters“-Ausrufen auch an Gil Scott-Heron erinnert.

Die Ballade She Was Too Pretty ist arrangiert mit schmachtenden Streicherflächen und so langsam, als hätte sie gar kein Tempo. Ganz am Ende des Songs bricht Porter aus seiner kuscheligen Entspanntheit aus und setzt zur Textzeile „She was to good to be true“ zu einem kraftvollen Höhepunkt an, der all die Gospel-Power durchhören lässt, die in dem mit afroamerikanischer Kirchenmusik groß gewordenen Sänger steckt.

Blutige Kämpfe verpackt in wohligen Klang

Natürlich durfte auch Liquid Spirit in dem Programm nicht fehlen, der Song, der es mit seinem tanzbaren Groove und seinem Kontrabass- und Bläserriff in die Radiorotationen geschafft und Porter einem größeren Publikum bekannt gemacht hat. Das Klatschen auf die Zählzeiten Zwei und Vier gelingt dem Berliner Publikum nach einigem Aufwärmen dann auch ganz gut und der Song endet in einer Gruppenimprovisation der Saxophone, Trompeten und Posaunen im New Orleans-Stil.

Den Wert von Musik und insbesondere eines Blues-Songs, der der ganzen Welt erzählen kann, was gerade schief läuft, besingt Porter in Musical Genocide. Seinen Wurzeln im Blues frönt Gregory Porter dann gleich im Anschluss mit dem Hoochie Coochie Man und singt sich aus dem orchestralen Ballast frei. Der Jazzklassiker Work Song erinnert an die Musik der Sklaven auf den Baumwollfeldern des Südens der USA und der mitreißende Song 1960 What? an die blutigen Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre.

Klare Botschaften in konsensfähiger Musik

Gregory Porter ist eben doch nicht nur ein Sänger der zufällig Jazz singt, sondern ein Mann, der mit einer sich gefällig ins Ohr und teils auch ins Tanzbein schmeichelnden Musik ernste und wichtige Themen auf die Bühnen bringt: afroamerikanische Traditionen und Spiritualität, der Kampf gegen Sklaverei und Rassismus und für die vollen Bürgerrechte mittels Musik, Kampf, Politik. Ein Großteil des Publikums wird davon möglicherweise gar nichts merken, denn die Botschaften sind eingebettet in Porters lässige und konsensfähige Musik. Sie hat zwar Inhalte und Haltung, schreit sie aber dem Publikum nicht ins Ohr, wie es der Free Jazz einst tat.

Den Kampf um eine längere Zugabe musste am Ende des Abends das Publikum nach kurzem Protest aufgeben, nach professionellen neunzig Minuten und einem Dutzend mehrseitiger Orchesterpartituren war das Repertoire des Großensembles um den Sänger möglicherweise erschöpft. Die Signierstunde nach der Show dauerte fast noch einmal so lang. Porter ließ sich geduldig feiern und in zahllosen Selfies mit seinen Fans verewigen.

Oliver Hafke Ahmad


Electro Deluxe begeistern mit Soul-Funk-Jazz-Show im Berliner Lido

Ende Juni (25.6.2015) waren sie das erste Mal in Berlin, die Musiker der französischen Soul-Funk-Jazz-Band Electro Deluxe. Der Bandname führt allerdings in die Irre und erinnert an ihre Anfänge als NuJazzBand, denn statt elektronischer Musik bietet das Ensemble heute von Hand gespielte analoge Instrumente, funky Groove, Schweiß und mit viel Soul getränkte Tränen der Freude.

Von der ersten Minute an haben die Franzosen das Berliner Publikum ihres Showcase-Konzerts im Kreuzberger Lido gepackt und anschließend anderthalb Stunden auch nicht mehr losgelassen. Die hochmotivierte sympathische Band mit drei Bläsern, Bass, Schlagzeug, Keyboard und einem amerikanischen Soul-Entertainer am Gesangsmikrophon bietet im Grunde einen Oldschool-Soul- und Funk-Show, die aber äußerst mitreissend und sehr gut gespielt ist und trotzdem nicht nur Retro klingen will.

Grooves zum Mitklatschen

Der smarte und mitreissende amerikanische Sänger James Copley, stylish gehüllt in Anzug mit Einstecktuch, weißem Hemd, Fliege und Lackschuh, ist die Lokomotive in diesem mächtig unter Dampf stehenden Zug. Ein Mann mit dem Willen zur Extase. Funky Clavinet- und Rhodes-Sounds von Gael Cadoux, dazu drei gut eingespielte Bläser (Tenorsax, Trompete, Posaune) in Satz und Soli und ein warmer pulsierender Bass von Jérémie Coke, lassen beim Publikum das Tanzbein zucken. Das Programm besteht aus dem Material des aktuellen Albums Home, das die Band in Eigenregie aufgenommen hat. Darauf finden sich zahlreiche Uptempo-Tracks, deren Grooves zum Mitklatschen und Tanzen animieren.

ElectroDeluxe-James-Copley-FotoOliverHafkeAhmad

Copleys Gesang erinnert nicht nur in Twist Her, sondern auch in The Ring an einen tiefergelegten Prince und wenn er dann auch noch eine Mundharmonika herausholt, ist natürlich auch die Verneigung vor Stevie Wonder hörbar. Auf dem Album nicht vorhanden und beim Konzert eine Überraschung ist das mindestens eine Oktave tiefer gesungene Stayin' Alive der BeeGees.

Prince und BeeGees tiefergelegt

Electro Deluxe erhoffen sich mit den ersten Auftritten in Deutschland einen Fuß ins hiesige Klub- und Festivalgeschehen zu bekommen und dort eine Alternative zu Acts wie Incognito oder Maceo Parker zu werden. In Paris haben sie es immerhin schon bis ins legendäre Olympia geschafft. In Deutschland stehen nun mehrere Festivalauftritte in BigBand-Besetzung an, die für diese Gigs extra in Berlin zusammengestellt wurde und deren Mitglieder im Lido ordentlich Stimmung für ihren Arbeitgeber gemacht haben. Die deutsche Soul- und Funk-Szene dürfte mit Electro Deluxe einen neuen Publikumsliebling und Frankreich einen weiteren erfolgreichen Musikexport haben.

Weitere Konzerte: 15.7. Kulturarena Jena, 16.7. Kassel, 17.7. Oldenburg

electrodeluxe.com


Donkey Honkey: Eve Risser am Piano und Drummerin Yuko Oshima

Vive le Jazz!

Festival Jazzdor 2015 Berlin

Juni 2015. Auch in diesem Jahr ist das eigentlich Strasbourger Festival Jazzdor wieder an vier Abenden in Berlin aktiv und das bereits zum neunten Mal. Das Konzept ist wie in den Vorjahren: einerseits neue französische Acts gemeinsam mit dem Französischen Musikexportbüro promoten und andererseits gemeinsame Konzerte von französischen und deutschen Jazzmusikern ermöglichen.

Festivalleiter Philippe Ochem greift dabei gerne auch immer wieder auf Acts zurück, die schon in vorangegangenen Jahren dort gespielt haben, wie z.B. der in Frankreich lebende deutsche Saxophonist Daniel Erdmann, der allerdings am Eröffnungsabend nicht mit Kontrabassist Henri Texier spielen konnte, weil dieser unpässlich war. Das Lisbeth Quartett von Saxophonistin Charlotte Greve traf auf den französischen Saxophonisten Antonin-Tri Hoang.

Der zweite Abend brachte mit Donkey Honkey ein spritziges Duo bestehend aus Pianistin Eve Risser und der japanischen Schlagzeugerin Yuko Oshima. Die erzeugt mit ihrem Drum-Set und einem Laptop allerlei Glockenklang, Klingeln und Zischen und kann ebenso frei improvisieren, wie einen technoiden Vierviertelbeat erzeugen. Eve Risser bearbeitet ihr Piano in kammermusikalisch, Free Jazziger Manier nicht nur mit den Fingerspitzen, sondern auch mit einem riesigen Paukenschlägel, zupft und reißt an den Saiten im Innern des schwarzen Leiselaut-Ungetüms.

Paukenschlägel im Bauch des Flügels

Auch Pianistin Julia Hülsmann fühlt sich im kammermusikalischen Jazz am meisten zuhause, introspektiver Wohlfühlklang mit dezent getupften Akkorden, kontrapunktiert von Marc Muellbauers Basslinien und Heinrich Köbberlings präzisem und gleichzeitig freiem Schlagzeugspiel. Ergänzt wurde das ECM-geadelte Julia Hülsmann Trio von der französischen Saxophonistin Alexandra Grimal. Die zierliche Frau mit dem ebenso luftigen Ton an Tenor und Sopran erzielt aber dennoch eine starke Wirkung. Sie ergänzt ihr filigranes und virtuoses Spiel mit Gesangslinien in Höhen, wo in lustigen Filmen Gläser zerspringen.

Das Julia Hülsmann Trio mit Gastsaxophonistin Alexandra Grimal

Eine Hommage an die Liebe hatte der Pianist Roberto Negro im Gepäck. Außerdem eine „Loving Suite pour Birdy So“, die beiden fantastisch interagierenden Brüder Théo (Violine) und Valentin Ceccaldi (Cello), sowie die Flötistin, Sängerin und Sprecherin Elise Caron. Auch hier wieder eine höchst vergnügliche und mitreißende Mixtur aus Kammermusik, zeitgenössischem Jazz und freier Improvisation, hinzu kommen Poesie und ein Hauch Chanson.

Flöten, Tröten & LoFi-Sound

Der dritte Abend präsentierte den äußerst unterhaltsamen Saxophonisten Raphael Quenehen, der vom Bariton bis zum Sopranino alle Saxophone dabei hatte und daneben auch diverse Flöten, Tröten und sogar einen Dudelsack bediente. Mit alledem wusste er auch äußerst unterhaltsam und energisch umzugehen. Jérémie Piazza hielt am Schlagzeug dagegen und ergänzte mit parallelem Gitarrenspiel auf einer schön zerschrammten Telecaster dank Loop-Effektgerät das Duo zum virtuellen Trio. Stilistisch wurde ein Bogen gespannt von Free Jazz zu Samba und Latinpop, gesungen vom Saxophonisten mit LoFi-Sound durch das Saxophon in das im Becher liegende Mikrophon.

Zwei Männer, viele Instrumente: Saxophonist Rapahel Quenehen und Drummer / Gitarrist Jeremie Piazza

Violinist Régis Huby hat nicht nur ein außergewöhnliches Instrument mit einer sehr individuellen Form, sondern dadurch auch einen besonders dunklen und warmen Geigensound. Ein schöner Gegensatz zum kratzigen Fender-Rhodes und ebenso oft aggressiven Gitarrenklang von Stargast Marc Ducret. Der Glatzkopf mit den eindringlichen Augen ließ ein Feuerwerk an Klangmöglichkeiten seinem Sechssaiter entspringen, von kleinen Plings und Plangs erzeugt mit Plektrum direkt an der Bridge, zu rockig gebeugten abstrakten Bluesakkorden, rasant verwirrenden Linien über das Griffbrett und stets unerwarteten Wendungen und Kombinationen von Spieltechniken und Klängen. Langeweile kann da nicht aufkommen, sondern auch hier reichen sich Jazz, neutönerische Kammermusik und Rock sehr erfolgreich und mitreißend die Hand.

Marc Ducret mit sensationellem Sight-Reading und vor allem vielseitigem Spiel

Sun Ra wird europäisiert

Am Freitag abend verabschiedet sich Jazzdor mit drei weiteren spannenden Projekten unter anderem Thomas de Pourquerys Supersonic Play Sun Ra. Der vollbärtige Saxophon-Hipster transformiert Sun Ras afroamerikanische spirituelle Energie in wilden europäischen Freiklang. Festivalleiter Philippe Ochem beweist mit dieser Ausgabe ein weiteres Mal den Mut dem an Festivalangeboten nicht gerade mangelnden Berliner Publikum oft nur Insidern bekannte Jazzmusiker zu präsentieren. Alle Konzerte wurden von DeutschlandRadio Kultur mitgeschnitten und sind bald im Radio zu hören.

Oliver Hafke Ahmad

Noch bis 5.6.2015, Kesselhaus Kulturbrauerei Berlin, www.jazzdor-strasbourg-berlin.eu, deutschlandradiokultur.de


Jazzahead 2015: Importweltmeister Deutschland

Carmen Souza im Bremer Schlachthof, Foto: Jazzahead / Jens Schlenker

Update 28.4.2015. Am letzten April-Wochenende fand in Bremen zum zehnten Mal die Fachmesse Jazzahead statt. Neben halbstündigen Showcase-Konzerten im Laufe des Tages, gab es zahlreiche Messestände von Künstleragenturen, Musikexportbüros, Musikstudios, Verlagen und anderen Institutionen aus dem Bereich Jazz, World Music und improvisierte Musik. In diesem Jahr besuchten laut Angaben des Veranstalters 3000 Fachbesucher die Messe und ihre 929 Aussteller. Zu den Showcases und abendlichen Konzerten, die auch der Öffentlichkeit zugänglich sind, kamen angeblich 16.000 Besucher, das sind 3.500 mehr als im vergangenen Jahr. 13 der Konzerte aus dem Bremer Schlachthof können auf Arte Concert online angeschaut werden.

Diese Zahlen sind wenig aussagekräftig und gehören zum alljährlichen Marketinggeklingel der Bremer Messegesellschaft, denn für die meisten Bands ist die Performance vor normalem Publikum auf dieser Jazz-Messe weit weniger wichtig, als von den Entscheidungsträgern, den Bookern, Konzertagenten, Festivalmachern und Journalisten gehört zu werden, und die bewegen sich hauptsächlich zwischen dem Messegelände und der stets bestens gefüllten Hauptbühne im Schlachthof direkt neben dem Messegelände. Wer dort nicht spielt, sondern auf einer der 27 anderen Bühnen, die in Bremen verteilt sind, hat wohl kaum eine Chance, von denjenigen wahrgenommen zu werden, die über kommende Festivalauftritte, Clubkonzerte, Tourneen und Plattendeals entscheiden. Interessant für alle, die nicht im Bremen sein konnten: 13 der Showcase-Konzerte, u.a. vom Brasilianischen Soulsänger und Keyboarder Ed Motta, Trompeter Sebastian Studnitzkys Memento-Projekt, dem Andromeda Mega Express Orchestra oder Sängerin Cey'lan Ertem können bei Arte Concert online noch bis Oktober angeschaut werden. Motta outete sich während seines Konzerts als großer Fan der legendären Radio Bremen-TV-Sendung „Beat Club“.

Die Messe Jazzahead hat sich vor allem als Importmesse etabliert, auch wenn das die Macher um den Künstlerischen Leiter und Trompeter Ulli Beckerhoff sicher nicht gerne hören und sich auch anders wünschen. Die zahlreichen gut dotierten Musikexportbüros aus Frankreich, Skandinavien aber auch Kanada sind interessiert am deutschen Markt mit seinen Hunderten von Festivals, professionellen Konzertagenturen, Klubs, Konzertreihen und subventionierten und unsubventionierten Bühnen. Für den Import von deutschem Jazz in ihre eigenen Heimatländer werden sie aber nicht bezahlt und zeigen daher auch kein Interesse daran.

Deutsche Musiker nur in der Nebenrolle

Die deutschen Musiker spielen deshalb, obwohl sie mit der German Jazz Expo eine eigene Reihe haben, auf Ihrer hauseigenen Messe nur eine Nebenrolle, denn der Export deutscher Jazzmusiker funktioniert nur sehr schlecht, wovon man sich auch in diesem Jahr wieder in den Programmen der europäischen und außereuropäischen Jazzfestivals überzeugen kann. Deutsche Namen – Fehlanzeige. Bereits mit unseren direkten Nachbarländern gibt es da kaum einen Austausch. Ausnahmen (wie das Festival Jazzdor oder einzelne international erfolgreicher Künstler) bestätigen die Regel. Selbst etliche deutsche Konzertagenturen haben kaum einen heimischen Künstler in ihrem Programm.

Die neuen Messehallen der Jazzahead, Foto: Jazzahead / Kay Michalak

Dennoch ist nicht alles schlecht. Die Jazzszene hat in Bremen ihr alljährliches tête á tête, kann sich dort weiter vernetzen und auch über aktuelle Themen austauschen. Im Konferenzprogramm wird über die digitale Herausforderung gesprochen. Der Journalist, PR-Texter und Romanautor Wolf Kampmann erhielt einen mit 5.000 EUR dotierten „Preis für deutschen Jazzjournalismus“. Er ist seit Jahrzehnten einer der fleißigsten und umtriebigsten freien Musikjournalisten in Deutschland. Die Union Deutscher Jazzmusiker stellt gemeinsam mit der IGJazz Berlin und dem Jazzinstitut Darmstadt eine geplante „Studie zu Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern in Deutschland“ vor. Der Verband der Musikspielstätten in Deutschland LiveKomm wird über den Jazzclub des 21. Jahrhunderts sprechen. Wie sollen die überwiegend ehrenamtlich betriebenen Bühnen und Vereine mit der umgedrehten Bevölkerungspyramide umgehen?

Allerdings gibt es auch einiges an Hinterzimmerrunden, die unter Ausschluss der großen Fach-Öffentlichkeit zu nicht genannten Themen tagen: Geheimzirkel wie die Interessenvertretung der deutschen Jazzszene namens „Bundeskonferenz Jazz“ oder die „Hauptversammlung der Jazz & WorldPartners“, ein Zusammenschluss von Major- und Independant-Plattenlabels. Beide haben sicher genügend Themen, die eine breite Öffentlichkeit interessieren müsste.

Vermisst wird im Konferenzprogramm die Auseinandersetzung mit künstlerisch-ästhetischen Fragen: Welche künstlerische Relevanz hat Jazz und das virtuose Beherrschen von Instrumenten und Improvisationskonzepten in Zeiten ertrinkender Flüchtlinge, von US-Polizisten abgeknallter afroamerikanischer Männer, brennender Flüchtlingsunterkünfte und Pegida-Demos in Deutschland, und Teilen der Welt die in Bürgerkriegen, Terrorismus, Flucht und Vertreibung versinken? Welche wirtschaftliche Chance hat der Jazz in Zeiten digitaler Umsonst- und wenig lukrativer Streamingkultur? Was ist heute Avantgarde und was ist längst museal? Was bedeutet die monopolhafte Dominanz weniger Plattenlabels für die deutsche Kultur- und (Jazz-)Medienlandschaft? Wie können diese PR-Monopole überwunden werden?

Wie kann unabhängiger Journalismus garantiert werden in einer Szene, die sich liebend gerne in Freund und Feind aufspaltet, in der viele Beteiligte (teils ungewollt und zwangsläufig) massive Interessenkonflikte haben, zwischen Journalismus und PR kaum noch unterschieden wird, Gefälligkeiten, Vorteilnahme und der Kampf um wenige lukrative oder auskömmliche Jobs und Aufträge alltäglich sind? Viele dieser Fragen werden auf der Jazzahead 2015 leider nicht gestellt.

Doch wer Musik hören und auch allerlei Neues entdecken will, kann dies in Bremen am Freitag- und Samstagabend des Messewochenendes mehr als reichlich tun. Per Radio konnte man deutschlandweit mithören: DeutschlandRadio Kultur sendete Freitag- und Samstagabend (24.4. und 25.4.2015) Zusammenschnitte von Konzerten aus Bremen, Arte Concert hält 13 der Konzerte aus dem Schlachthof bis Oktober 2015 online bereit. Erstaunlicherweise finden sich auch Künstler in diesen Showcase-Konzerten, die man längst als etabliert sind und die bereits viele internationale Festivals gespielt haben, wie Gebhardt Ullmann, Louis Sclavis oder das Orchestre National de Jazz aus Frankreich, dem diesjährigen Partnerland der Jazzahead. Im nächsten Jahr wird diesen Part die Schweiz übernehmen.

Oliver Hafke Ahmad

Jazzahead
Deutschlandradiokultur
Bundeskonferenz Jazz
Jazz-Worldpartners
Arte Concert


Zeit für Musik, Performance, Installationen

Ein Raum, vier Bühnen, zwei Ensembles und zwanzig Stücke im Laufe von vier Stunden. Das Festival Maerzmusik, das sich ab sofort Festival für Zeitfragen nennt, eröffnete am Freitag (20.3.) mit einem außergewöhnlichen Format namens Liquid Room. Die Nebenbühne und die Hauptbühne des Berliner Festspielhauses wurden zu einer Halle zusammengefasst, wohingegen der eigentliche Zuschauerraum, mit den langen Sitzreihen und den tiefen Sesseln, in denen sich so schön schlummern lässt, durch den eisernen Vorhang verschlossen blieb.

Es ist ein Symbol für den Versuch die bürgerliche Konzerttradition auszuschließen, in der die Künstler unerreichbar weit weg auf einer Bühne agieren und die Zuhörer in den Sitzen zum geräuschlosen und bewegungslosen Zuhören und anschließend möglichst kultiviertem Bewundern der Genies verdammt sind.

Neues Konzertformat

Das belgische ICTUS Ensemble hat ein neues Konzertformat entwickelt, in der die Zuhörer selbst entscheiden, wann, wo und ob sie überhaupt zuhören wollen, die Flucht an die Bar ist jederzeit erlaubt. Dass die meisten Zuhörer die Bar eher nur kurz frequentiert haben, liegt sicher an der Qualität und Vielfalt des Dargebotenen und der cleveren Dramaturgie, die keine Langeweile aufkommen ließ, allerhöchstens ein wenig Erschöpfung vom vielen Hin- und Herlaufen und -hören, zwischen den 21 Teilen von Solo bis Kammerensemble.

Der Abend begann mit sechs Schlagwerkern, die konzentriert von ihren Laptops die Noten lesen und jeweils auf nur einem einzigen Klangholz hämmern und in immer neuen Wogen lauter und leiser werden, ein minimalistisches Werk von Michael Gordon namens Timber, das so ähnlich bei Maerz Musik auch schon mal zu hören war.

Zusammengeklebtes Notengewirr

Das Zusammenspiel von Licht und Klängen spielt im Werk von Kaj Duncan David eine Rolle. Sechs Musiker des Ensembles Mosaik mit teils analogen Instrumenten wie Oboe, Flöte oder Geige sind mal abwechselnd mal gleichzeitig im zunächst weißen und später auch roten Spotlight, Knacksen und Störgeräusche durchdringen die Dunkelheit dazwischen. Etwas ratloser Applaus.

Schon geht es weiter auf dem mittleren Podest mit einem Sprache und Bodyperkussion kombinierenden Solo von Francois Sarhan, das an die amerikanische Kunst des Hambone oder auch den haitianischen Juba Dance erinnert. Kaum verhallt der letzte Schlag ins eigene Gesicht fidelt auch schon das Ensemble Mosaik eine rasante free jazzig atonale Komposition namens Schöne Worte von Bernhard Gander los, dass die Haare der Bögen von Violine, Viola, Cello in Fetzen herunterhängen und der Flügel nur so scheppert. Das zusammengeklebte Notengewirr ist hier ausnahmsweise mal nicht in grauen Laptops versteckt.

Die Klangmöglichkeiten einer langen Drahtfeder, die an der Membran einer kleinen Handtrommel befestigt ist und auf eine Metallplatte fällt lotet die Komposition Mani.Mono für Spring Drum von Pier Luigi Billone aus. So geht es munter Schlag auf Schlag über Stunden weiter. Die Tontechniker leisten großartige Arbeit, bauen lautlos eine Bühne ab, während auf der nächsten performt wird und einer weiteren die Musiker bereits im Dunkeln auf ihren Einsatz warten. Alles klappt reibungslos und ohne den kleinsten hörbaren Technikfehler. Der eiserne Vorhang hebt sich und Luciano Berios sequenza bases on sequenza VIII erscheint und erklingt auf einer großen Leinwand als beeindruckender Musikclip von Mano de Boer und George van Dam, der sich ganz auf den Solisten und Nahaufnahmen der Geige konzentriert, die aus reinem Weiß hervorblitzen.

Gitarren auf dem OP-Tisch

Einen Hauch von Techno-Klub erzeugen Cédric Dambrain und Gerritt Nulens, die sich in Duo Performance #2 gegenübersitzen. Der eine bedient ein konventionelles Schlagzeugset, das mit zusätzliche elektronischen Auslösern (Triggern) ausgestattet ist und die Höhe der Klänge nach unten und oben oktaviert. Der andere bedient zwei an die Hand geschnallte Controller, die verbunden mit einem Laptop, durchdringende Synthesizerflächen modifizieren. Brachialer Vierviertelbeat und spaciges Gezirpe, dass in einem echten Club sicher die Tänzer begeistern würde. Anschließend kommen zwei Gitarren auf den musikalischen OP-Tisch und werden liegend auf ihre Klangmöglichkeiten jenseits des klassischen Spiels durch jeweils zwei Musiker mit allerlei Kleingerät untersucht. Es entstehen schwebende Klänge, die zwischen zwei Podesten im Raum umherwabern.

An die Grenzen der Erträglichkeit von Lautstärke und Monotonie geht Bruce McClure mit seiner stoischen und verstörenden Modified Projector Performance. Drei analoge Projektoren laufen in unterschiedlichem Tempo, ihre Geräusche werden verstärkt und erzeugen eine halbe Stunde lang ein polyrhythmisches Pulsieren und Sägen an Gehörgängen und Nerven der Zuhörer. Ein flackernder leerer Rahmen erklärt nichts. Das Werk spaltet das Publikum in Fliehende und Faszinierte. Genial die anschließende Programmierung des Streichquartett II von Jürg Frey, gespielt vom Ensemble Mosaik, das mit nur einem einzigen Rhythmus und nur einer Lautstärke, dem Pianissimo, auskommt. Das ebenfalls fast halbstündige Warten auf größere Veränderungen in diesem Werk wird lustvoll enttäuscht, so werden kleinste Klangveränderungen zur akustischen Sensation.

Übernachten inmitten der Performances, Filmen und Installationen

Noch bis Sonntag (29.3.2015) beschäftigt sich das Festival Maerzmusik mit Zeitfragen, sei es in den künstlerischen Performances am Abend, sei es in verschiedenen Diskursformaten Thinking Together tagsüber. Den Abschluss des Festivals bildet The Long Now, ein Performance-Format über eine ganze Nacht und einen ganzen Tag im Kraftwerk Berlin. Morton Feldmans fünfstündiges Streichquartett Nr. 2 ist darin ebenso zu hören wie Phil Niblocks siebenstündiges Music and The Movement of People Working und eine 24-stündige Klanginstallation von Leif Inge. In der hat der Komponist Beethovens 9. Symphonie auf 24 Stunden gestreckt hat und die im ehemaligen Kontrollraum zu hören sein wird. Kommen und gehen ist hier ebenso erlaubt, wie das Übernachten vor Ort inmitten der Performances, Filme und Installationen. Über Zeit, als wertvollste Ressource und das Verfügen über seine eigene Zeit als ultimative Freiheit, darüber spricht der künstlerische Leiter Berno Odo Polzer in der sehr lesenswerten Festivalzeitung. Eine Infografik klärt auf über Kreative Routinen, die täglichen Rituale historischer und heutiger Kreativer.

Website Maerzmusik 2015


Stimme in Flammen

Nuevo Flamenco-Sängerin Buika begeisterte im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Berlin, 19.03.2015. Das Auditorium ist fast ausverkauft bei diesem Konzert im Rahmen der Reihe HKW Royal. Kaum ist Buika nach kurzem Instrumentalvorspiel auf der Bühne fängt sie ihr Publikum mit den ersten Songs. Unter dem roten Kleid aus Spitze, durchsetzt von glitzernden Steinen, eine kleine rote Blume im Haar, ist sie barfuß, trägt keine harten Flamencoabsätze, die in den Bühnenboden gehämmert werden, sondern ist schutzlos und geerdet.

Geerdet und schonungslos schutzlos ist auch ihre Musik. Hier gibt es keine Tricks und keine Fallnetze, keine Playbacks, keine Halbplaybacks, keine vorproduzierten Loops. Die drei Instrumentalisten und die afrospanische Sängerin aus Mallorca sind allesamt Virtuosen. Sie erzeugen mit Cajon und Djembe, Konzertgitarre und elektrischem Bass gemeinsam mit der außergewöhnlichen Stimme von María Concepción Balboa Buika ein hochdramatisches, mitreißendes und gleichzeitig sensibles Geflecht, dass die Zuhörer packt und bis zum letzten Ton des Abends nicht mehr loslässt. Perlende Gitarrenarpeggios, urplötzlich gerissene Saiten, ein singender Bass und abrupte Wechsel zwischen Dreier- und Vierer-Rhythmen vom Cajon-Spieler bilden das Fundament für Buikas durchdringenden Gesang.

Buika interpretiert die Lieder von ihrem aktuellen Album „La noche más larga“ und dem halben Dutzend davor mit einer rauhen Altstimme, wie üblich im Flamenco. Doch sie lässt auch andere Einflüsse durchklingen. Sie scatted wie Ella Fitzgerald und bringt Soul und Blues ein und unterscheidet sich damit deutlich vom traditionellen Flamencogesang. Ihr Spanisch klingt funky, wahrscheinlich weil die in Miami lebende Künstlerin flüssig Englisch spricht, was ihr im Laufe des Abends ermöglicht, mit dem Berliner Publikum so kommunizieren, wie es auf Spanisch wohl nicht möglich wäre.

Sie kokettiert damit, angeblich keinen Freund zu haben „und das bei dem Körper und dem Gesicht“, und führt das darauf zurück, dass Männer wohl keine starken Frauen mögen. Sie erzählt von ihrer Kindheit und ihrer vermeintlichen Talentlosigkeit im Singen, Tanzen und überhaupt. Das habe aus ihr aber kein trauriges Kind gemacht, im Gegenteil, wenn von einem nichts erwartet wird, ist die Freude bei jedem noch so kleinen Erfolg umso größer, erzählt Buika augenzwinkernd.

Ihr erstes echtes Erfolgserlebnis habe sie in Mallorca auf derer Bühne eines Klubs gehabt, es war ihr erster Applaus. Das war die Initialzündung zu ihrer inzwischen großartigen Karriere mit sieben Alben, Latin-Grammy-Award, Kooperationen mit den weltbesten Musikern aus Jazz, Flamenco und Latin Music. Fast wie bestellt unterbricht ein Kind die Stille vor ihrem nächsten Lied, und ruft nach Mama. „Sing Kind sing“ ermuntert sie es, um daraufhin die zarte Habenera „Mi nina Lola“ vom gleichnamigen Album anzustimmen.

Jeder Schrei ist eine Anklage, die ins Mark dringt. Buika wechselt von zartem Gewisper zu rhythmischem Sprechgesang, von hymnischen, weit ausholenden Melodiebögen, zu schrillen Schreien, heiseren Anklagen und wüsten Beschimpfungen ihres imaginären Gegenübers. Wäre sie Opernsängerin würden Arie und Rezitativ bei ihr zu Eins. Körper und Hände spannen sich wie vor einem Kampf und werden dann wieder ganz locker zu einem kleinen Tänzchen mit lässigem Hüftschwung.

Wie die meisten großartigen Sänger, gibt sie eben nicht einfach Lieder zum Besten, sondern durchlebt die Geschichten von Einsamkeit, Verlust und dem Wunsch nach Rückkehr und Geliebtwerden immer wieder vor unser aller Augen. Vom Album „Nina de Fuego“ spielt sie am Schluss den Hit „No habra nadie en el mundo“. Sie fleht, jammert, schimpft und wütet auf so musikalische Weise, dass das Publikum am Ende des Abends nicht anders kann, als sich drei Mal zu stehenden Ovationen zu erheben. „I am fucked up, but happy“, deutlicher hätte das wohl niemand sagen können als diese großartige Sängerin.

Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad

www.conchabuikamusic.com

Die Reihe HKW Royal wird fortgesetzt mit Konzerten von Tony Allen (21.03.), Les Ambassadeurs feat. Salif Keita, Cheick Tidiane Seck & Amadou Bagayoko (27.5.) und Chucho Valdés (05.07.). Mehr unter HKW Royal.


Kraftwerk machten die Neue Nationalgalerie zur Blackbox

Kraftwerk: 3-D-Konzertreihe "Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8" | Foto: Peter Boettcher / Kraftwerk / Sprüth Magers

Berlin, 15.01.2015. Nach acht Konzerten ging die Rückschau auf das Werk der Düsseldorfer Elektropioniere zu Ende. Die nationalen Medien überschlugen sich mit der Berichterstattung, der Berliner Tagesspiegel rezensierte sogar alle acht Konzerte. Mit Ralf Hütter stand nur noch eines der Gründungsmitglieder auf der Bühne. Zu sehen war eine Musik- und 3-D-Show, die man früher wohl Halbplayback genannt hätte.

Heute scheint es jedoch niemanden mehr zu stören, wenn in Konzerten nur noch ein Teil der Musik tatsächlich in dem Augenblick entsteht und ein Großteil perfekt vorproduziert von der Festplatte kommt. Musikalische Überraschungen gibt es so kaum, dafür den perfekten Sound und die risikolose perfekte Performance ohne nennenswerte musikalische Fehler. Das Publikum der Kraftwerk-Konzerte berauschte sich einerseites an dem Glück überhaupt eine Karte bekommen zu haben, andererseits an den 3-D-Projektionen und dem Minimalismus der Performer oder vielmehr "Operateure" auf der Bühne, die nicht mehr an Emotionen und Choreographie boten, als leichtes Oberkörperwippen. Wüsste man nicht, dass man sich in einem Konzert befindet, könnten die geheimnisvollen Instrumente (wahrscheinlich Tablet-PCs oder Keyboard-Tastaturen) genau so gut stylische Computer-Stehpulte sein, an denen gerade gearbeitet, gesurft oder geschrieben wird.

Ob sie tatsächlich etwas spielten oder auf den quadratischen Kästen nur so taten als ob, bleibt wohl ihr Geheimnis. Das gilt übrigens für die meisten Performances elektronischer Musik, von David Guetta bis Paul Kalkbrenner, viel mehr als ein paar Einstellungen an einem Equalizer oder an einem Effektparameter findet da womöglich kaum noch statt. Es ist die audiovisuelle Show, die zählt, möglichst überwältigende Licht-, Laser- oder Projektionseffekte, Timecode-genau zur studiogleich klingenden Musik abgefahren. Die Fans wollen ihre Stars zwar auch heute noch leibhaftig sehen, ob sie aber wirklich auch auf der Bühne musizieren ist nebensächlich. Nur noch die bedauernswerten klassischen Musiker, Jazzer und Rockmusiker müssen sich mit lebenslangen Übungen fit halten, für Konzerte und beobachtbares Instrumentenspiel vor Publikum.

Die Frau kommt in dieser perfektionierten männerdominierten Musik- und Technikwelt nur als "Model" vor, eine ebenso perfektionierte wie unerreichbare Oberfläche. Im Gegensatz zum modernisierten Sound etlicher Songs und zum "Trans-Europa-Express", der in der 3-D-Filmprojektion nur noch als abstrakte Linie fahren darf, ist das "Model" weiterhin das bekannte Bild aus den 60er Jahren oder früher. Am Frauenbild hat sich bei den die Zukunft liebenden Kraftwerkern seit 1978 scheinbar nichts geändert.

Kraftwerk lieben es in 3D und so fliegen bei "Autobahn" VW-Käfer durch den Raum oder an anderer Stelle ein Raumschiff punktgenau durch die Eingangstür hinaus zu den dort wartenden Fans ohne Ticket. Der Glasbau von Mies van der Rohe wurde komplett schwarz verhängt, sodass nur an wenigen Stellen die Konzerte von außen mitverfolgt werden konnten. Man könnte dies als ein Gleichnis für das falsche Versprechen von Transparenz und Demokratisierung durch Technik (Internet) lesen. Hier spielt also die musikalische Elite für eine kulturelle, wirtschaftliche und Medien-Elite und die schottet sich gerne ab, während sie gleichzeitig aus dem Kunden einen gläsernen machen, zum Beispiel durch personalisierte Tickets. Ausgerechnet der Architekt Ralf Hütter (der einzige verbliebene original-Kraftwerker) macht aus dem berühmten transparenten Glasbau Neue Nationalgalerie eine digitale Blackbox, wenn auch vermutlich aus akustischen Gründen.

Kraftwerk sind heute ein perfektionistisches Gesamtkunstwerk, dass alles verbannt, was nicht in das Konzept des elektronisch Erzeugten und Künstlichen passt. Obwohl sich auf den alten Aufnahmen auch echte analoge Musikinstrumente befinden, sind diese heute von der Bühne verdammt. Nichts erninnert mehr an die analogen Synthesizerungetüme, mit denen die ersten Alben erzeugt wurden, geschweige denn an Orgeln, Gitarren, Flöten oder ein Schlagzeug. Nirgendwo ein Kabel, nirgendwo Unordnung oder künstlerisches Chaos. Die Klangwerkstatt, die ja sonst offen auf der Bühne steht, bleibt im Verborgenen, was zählt ist das Ergebnis, und das klingt noch immer erstaunlich modern, ja zeitlos, sei es "Musique Non Stop", "Tour de France" oder "Die Roboter", die dann in einem Höhepunkt auch tatsächlich die Bühne übernehmen und als einzige Bühnenarbeiter auch tanzen dürfen.

Bereits im November begann der Vorverkauf für die acht Konzerte der legendären Pioniere der elektronischen Musik Kraftwerk, in wenigen Stunden waren alle Tickets im Internet und im nächtlichen Vorverkauf vor der Neuen Nationalgalerie verkauft. Alle acht Alben, die zwischen 1974 (Autobahn) und 2003 (Tour de France) erschienen sind, kamen an jeweils einem Abend zwischen dem 6. und 13. Januar 2015 zur Aufführung. Die ersten, von Kraftwerk heute ungeliebten Alben, wurden einfach weg gelassen. Die Band hat für jedes Konzert eine 3D-Videoperformance kreiert. Karten gab es pro Person maximal vier Stück. Sie konnten nur personalisiert gekauft werden. Die Konzertreihe mit dem Titel Kraftwerk - Der Katalog 12345678 wurde unterstützt vom Verein der Freunde der Nationalgalerie, anschließend ist der legendäre Mies-van-der-Rohe-Bau für mehrere Jahre zur Renovierung geschlossen.

Text: Oliver Hafke Ahmad


Jazzfest Berlin 2014

Brandstiften mit Wikingern und Tanzen mit Fats Waller

Stride-Piano-Tradition auf den Kopf gestellt: Jason Morans Fats Waller Dance Party endet wie sie begonnen hat, mit einem Latin-Groove.

Berlin, 3.11.14. Energiebündel Mats Gustafsson und sein Fire Orchester, Jason Moran und sein Fats Waller-Tribut und ein irregewordenes Banjo bei Mostly Other People Do The Killing beendeten am Sonntag das Jazzfest 2014. Festivalleiter Bert Noglik kann auf einen gelungenen Ausstand zurückblicken, er gibt das Festival an den hierzulande unbekannten britischen Musik- und Sportjournalisten Richard Williams ab. Bis auf den künstlerischen Aussetzer am Samstagabend (siehe dazu unseren Bericht), konnte das Festival mit hoher Qualität, großer Bandbreite und sehr gutem Publikumszuspruch punkten. Die Messlatte für den Neuen hängt deshalb hoch. Mit Ihno von Hasselt verabschiedet sich der langjährige Produktionsleiter nach 45 Jahren vom Jazzfest Berlin. Hier ein Fotobericht vom letzten Festivaltag.

Hohes Energielevel: Das Trio The Thing von Mats Gustafsson rockte und röhrte in der Akademie der Künste. Free Jazz, Metal, Rock: Grenzen gibt es keine, nur Tiefe muss es haben. Und falls Sie es noch nicht wussten: der Jazz wurde von den Wikingern erfunden, nach Mississippi exportiert, die dort ein Barbecue machen wollten und dann von Buddy Bolden weiterentwickelt. So geht Jazzgeschichte á la Gustafsson!

Zur Freude aller Anwesenden in der ausverkauften Akademie gab das 28köpfige Fire-Orchestra die volle Dröhnung, brachiale Akkord-Cluster, dreifach besetzte Drums und Bässe, Bläser ohne Ende, dreistimmiger Chor, drei Elektrofrickler und Keyboarder. Energie pur, aber nicht ohne Sinn und Disziplin. Sensationelle Vokalakrobatik und sogar leise Töne. Muss man einfach liebhaben diese nordischen Brandstifter!

Pianist Jason Moran hatte gleich zwei Auftritte, einen mit seinem langjährigen Trio Bandwagon und einen mit seinem Fats Waller-Tribut. Den Auftakt zum Trioset gestaltete Moran im Pianissimo um dann im zweiten Stück Tremolo-Akkorde wie in einem irregewordenen Ragtime zu hämmern. Der Bassist (Tarus Mateen) zeigte nicht nur seine Barbecue-Wampe, sondern auch ein äußerst flinkes Spiel auf einem ungewöhnlichen E-Bass mit Kontrabass-Steg und ebensolchem Pickup.

Die Dance Party zu Ehren von Stride-Piano-Legende Fats Waller beginnt mit einem hypnotischen Latin-Rock-Song, den man von Carlos Santana kennt: Jingo. Er soll wohl an die afrikanischen Wurzeln von Waller erinnern. Nach dieser spirituellen Rumba setzt sich Moran die Fats-Waller-Maske auf und trägt sie fast bis zum Schluss des Konzerts. Moran verwandelt Waller-Melodien wie Ain't Misbehaivin'oder Honeysuckle Rose mit den Interpretationen von Sängerin Lisa Harris und Trompeter Leron Thomas in schlüpfrigen Neo-Soul mit Dub-Effekten.

Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad


Jazzfest Berlin 2014

Die Freiheitssuite wird ausgebuht

Sänger Kurt Elling mit der WDR Big Band unter der Leitung von Richard DeRosa

Berlin, 02.11.2014, 11:30h. Lautstarke Buhrufe und empört den Saal verlassene Zuschauer verhagelten die Galavorstellung der WDR Big Band mit Sänger Kurt Elling am Samstagabend beim Jazzfest Berlin 2014, und das auch noch während einer landesweiten Live-Übertragung in den ARD-Radioanstalten und ausgerechnet beim Aufführen der Freedom Suite.

Was war hier geschehen? Am Nachmittag gab es in der Akademie der Künste noch ein einhellig bewundertes Werk aus der Vorwendeära Die Engel für Jazzband und vier Sprecher/Sänger von Jochen Berg und Ulli Gumpert zu hören. Äußerst selbstkritisch setzten sich hier die DDR-Jazzmusiker mit der Situation im eigenen Land und der Ungewissheit des kommenden auseinander, nicht wissend, dass die DDR bald Geschichte sein würde. Swing, Free Jazz, Brecht/Weill, all dies klingt hier an und lauter bohrende Fragen zur Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns.

Virtuoser kammermusikalischer Jazz beim Daniel Humair Quartet

Der Abend im Festspielhaus begann mit dem Auftritt von Schlagzeuger Daniel Humair und seinen phantastischen Virtuosen an Saxophon (Emilie Parisien) und Knopfakkordeon (Vincent Peirani). Hier war sich das Publikum noch einig, das ist großartige Musik. Parisien dessen Spielpose mit aufgeblasenen Backen, angewinkelten Knien und hochgestellten Ellenbogen zumeist an einen seltsamen Vogel erinnert, ließ sein Sopran singen wie eine arabische Oboe, ließ einen an Coltrane denken, raunte mal dunkel, mal gleißend hell. Peirani demonstrierte die Kraft der Wiederholung und flog rasant über seine Akkordeontasten. Humair, der Grand Seigneur des französischen Jazzschlagzeugs hielt gemeinsam mit Bassist Jerome Regard die beiden Heißsporne am Boden verankert, damit sie umso schöner immer wieder auffliegen konnten. Hier herrschte am Ende noch Einigkeit im Publikum: trés bien!

Anschließend kam die WDR Big Band auf die Bühne. Unter der Leitung von Richard de Rosa sollten Freedom Songs zelebriert werden, zur Feier von 25 Jahren Mauerfall und 50 Jahre Jazzfest. Nach einer Instrumentalversion von Eddie Harris´ Funk-Jazz-Klassiker Freedom Jazz Dance kam der vielgefeierte Kurt Elling auf die Bühne. Neben Gregory Porter ist Elling zurzeit die Vokalsensation des Jazz, eine Baritonestimme mit Seele, Geschmeidigkeit, aber auch einer gewissen Rauhheit, wenn es nötig ist. Elling intoniert Everybody Wants To Rule The World von Tears for Fears souverän als soulige Disconummer. Anschließend erklärt er vom Blatt lesend, das Konzept des Konzert sei es, die Songs der Wendezeit aufzuführen.

Erste Buhs für The Wind of Change

Doch schon mit dem zweiten Vokalsong gerät die Freiheitsgala in Schieflage: Kurt Ellings Version des Wind of Change von den Scorpions wird ausgebuht. Der Sänger ist auf die Bühne gekommen wie ein großer amerikanischer Showstar: im perfekt sitzenden Anzug, mit perfekt geschnittenen und gescheitelten Haaren und siegesgewissem Lächeln über dem kantigen Kinn. Nun ist er irritiert und gibt es auch zu. Es folgt eine in Deutsch gesungene Version von Die Gedanken sind frei. Freundlicher Applaus, gespannte Stimmung. Nun kündigt Elling die Freedom Suite an, ebenfalls ein Arrangement des amerikanischen Orchesterleiters Richard de Rosa. Zu orchestralen Big Band-Klängen folgt eine politische Sonntagsrede, wie man sie auf einem Musikfestival nicht erwarten würde. Zitate von Mahatma Gandhi, Martin Luther King, John F. Kennedy („Ich bin ein Berliner“), und Ronald Reagan („Tear down this wall“) wurden zusammengemixt und unter gefühlt hundertfacher Verwendung des Wortes Freedom wird dieser unsägliche Textmischmasch von Elling zum darunter liegenden Big Band-Singsang proklamiert. Dass Elling in dieser Rolle staatstragend wie ein echter amerikanischer Präsident wirkt, entfaltet eine vermutlich unbeabsichtigte negative Wirkung. Am Ende wird dieses grässliche musikalische Werk vom Publikum ausgebuht: mit lautstarken „Bullshit“-Rufen springen zahlreiche Zuschauer auf und verlassen empört den Saal - und dies vor den laufenden Mikrophonen und gespitzten Ohren der deutschlandweiten Live-Übertragung!

Hat sich die Big Band-Leitung künstlerisch verrannt?

Offensichtlich hatte sich die WDR-Big Band und ihre künstlerische Leitung hier verrannt. Anstatt die echten Protagonisten der Wende und des Mauerfalls zu Wort und zu Stimme kommen zu lassen, wurde hier etwas am Reißbrett komponiert, dass die Empfindlichkeiten und die Seele von Teilen des Publikums nicht nur nicht ansprach, sondern auch noch verletzt hat. Denn nicht Politiker haben die Freiheit für die Ostdeutschen 1989 herbeigeführt, sondern die vielen Fliehenden und vor allem Protestierenden mit ihrem Ruf „Wir sind das Volk“. Es geht hier also keineswegs um musikalische Petitessen, sondern um die Deutungshoheit über die Geschichte des Mauerfalls. Aus dem Werk taucht deshalb der längst überwunden geglaubte Vorwurf des amerikanischen Kulturimperialismus wieder auf, Elling und Richard de Rosa stehen plötzlich da, als wollten er die Leistung des Mauerfalls für sich und die USA beanspruchen. Hier zeigt sich, dass Köln offensichtlich doch weiter von Berlin, Leipzig und Dresden entfernt ist, als man in Kilometern erklären kann.

Die Anmoderation für dieses Konzert war außergewöhnlich lang. Hat er die folgende Kontroverse schon geahnt? Jazzfest-Leiter Bert Noglik bei der Ankündigung der misslungenen Freedom Songs.

Der WDR war hier mit einer adäquaten künstlerischen Umsetzung des Mauerfall-Themas im Jazzkontext ganz offensichtlich überfordert und niemand hat es im Vorfeld gemerkt oder stoppen können. Kurt Elling, sichtlich geschockt von der Publikumsreaktion, versuchte anschließend den Abend in Würde zu Ende zu bringen, was ihm auch gelang, denn er hatte an diesem künstlerischen Fiasko als Sänger wohl die geringste Schuld. Nach Benny Golsons Ballade Fair Weather und Ellingtons Come Sunday wurde Elling mit warmem Applaus entlassen. Die Diskussionen im Foyer auf dem Heimweg waren, wie vom Sänger selbstironisch vorhergesagt, kontrovers. Das 50. Jazzfest Berlin hat seinen Skandal und dürfte damit bei vielen amerikanischen Musikern Erinnerungen an die 60er Jahre wecken, als das Berliner Publikum weltweit gefürchtet war. Dass dieser künstlerische Fehlgriff ausgerechnet unter der Leitung des ostdeutschen künstlerischen Leiters Bert Noglik geschehen ist, der in diesem Jahr zum letzten Mal das Jazzfest leitet, ist bittere Ironie und wird seiner ansonsten bisher sehr starken Festivalausgabe 2014 keineswegs gerecht.

JazzRock im Paillettenkleid zum Schluss

Hedvid Mollestad mit einer energetischen JazzRock-Show auf der Seitenbühne

Wer noch Nerven hatte, konnte all den Ärger anschließend von einer großartigen Norwegischen Jazzrock-Gitarristin wegblasen lassen. Im roten Paillettenkleid mit weißer Gibson-Halbakustik-Gitarre und Bigsby-Vibrato, begleitet nur von Bass (Ellen Brekken, ebenfalls Blond und ebenfalls im roten Minikleid) und Schlagzeug (Ivar Loe Bjornstad ganz in Weiß), rockte Hedvig Mollestad die Seitenbühne mit der 60er-Jahre-Energie von Jimi Hendrix oder The Who. Ganz ohne Worte jagte sie die Riffs durch ihre zwei Dutzend Bodeneffektgeräte und die beiden Verstärker (natürlich von Marshall und Fender). Bluesrock, Country-Anklänge aber auch Heavy-Metal-Riffs machten das Konzert zu einem energiegeladenen Vergnügen.

Krasse Sounds auf hohen Hacken: Gitarristin Hedvig Mollestad.

Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad


Jazzfest Berlin 2014

Die Entdeckung der Langsamkeit am zweiten Tag des Jazzfest

Das Quartett Get The Blessing aus Bristol brachte, stylish gekleidet, geschmackvoll elektronisch verzerrte Saxophon- und Trompetenklänge auf die Bühne, nur begleitet vom sechssaitigen Bass (Jim Barr) und Schlagzeug (Clive Dreamer), die sich beide mit Portishead Weltruhm erspielt haben.

Saxophonist Archie Shepp ist eine Ikone der Fire Music der 60er Jahre und heute Grandseigneur des Blues und Jazz. Er sprang als Ersatz für Benny Golson ein, der zu krank war, um nach Berlin zu reisen. Souverän spielte Shepp schnelle Hardbopstücke wie Jamal, als auch ein balladeskes Sarah-Vaughan-Tribute. Experimente macht er keine mehr, aus dem zumeist mainstreamigen Sound seiner Quartetts lässt er gelegentlich das Feuer des Free Jazz durchblitzen.

Natürlich darf auch keine Gesangsnummer fehlen in einem Archie Shepp-Programm, hier ist er mit Ellingtons Don't Get Around Much Anymore zu hören. Darin singt er " I'm through with jivin', slippin' and slidin'", das Growling beherrscht der 77jährige aber immer noch perfekt.

Dem Londoner Saxophonist und Rapper Soweto Kinch flogen die Herzen des Publikums nur so zu. Neben ausgedehnten Altosax-Soli, begleitet von einem ebenso jugendlichen wie gleichzeitig unfassbar versierten Duo an Bass (Nick Nurd) und Schlagzeug (Moses Boyd), brachte Kinch auch irrwitzig rasante Raps und witzigen Free Style mit Begriffen, die ihm vom Publikum zugerufen wurden, zu Gehör.

Das New Yorker Trio Feral feierte die Langsamkeit und die Freude an ultratiefen Bässen und verrückten Keyboard- und Synthesizerlicks.

Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad


Jazzfest Berlin 2014

Requiem, Rock und Jazz – das Jazzfest Berlin eröffnete zum 50. Mal

Am Donnerstagabend eröffnete das Berliner Jazzfest zum 50. Mal. Der New Yorker Gitarrist und Saxophonist Elliott Sharp brachte eine Auftragskomposition zur Aufführung und erinnerte mit Tribute: MLK Berlin '64 an den amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King, Jr., der 1964 den ersten Berliner Jazztagen ein Grußwort schickte.

Elliott Sharp - Tribute MLK Berlin '64 Vor 50 Jahren schrieb er ein Grußwort zur Eröffnung der ersten Berliner Jazztage: Martin Luther King, hier im Video bei Elliott Sharp mit dem Auftragswerk Tribute MLK Berlin '64

Der überwiegende Teil des Publikums im Berliner Festspielhaus war, der Haarfarbe nach, sofern noch vorhanden, zumindest bereits auf der Welt am Geburtstag des ersten deutschen Jazzfestivals, manch einer hat vielleicht schon jahrzehntelange Jazzfesterfahrung. Der Künstlerische Leiter des Jazzfest 2014 Bert Noglik (erst zum dritten Mal dabei) erklärt zu Beginn des Konzerts, den jüdischen Instrumentalisten Elliott Sharp habe er als Komponisten ausgewählt, weil er ein „Musiker mit Wurzeln im Blues“ sei. Requiemartig ist der Beginn der Komposition, mit ausgedehnten Akkorden von Tenorsaxophon, Baritonsaxophon und Tuba, bevor es ins Blues-Rockige übergeht. Der Gospelsong Joshua Fit The Battle of Jericho, einst von Mahalia Jackson gesungen, wird hier zu einer Schreiorgie bis die Mauern von Jericho gleichnishaft für das Ende der Rassentrennung in den USA fallen. Elliotts Werk für drei bis vier Bläser, Bass, Schlagzeug, Gitarre und zwei Stimmen hat etwas unfertiges, improvisiertes. Man könnte diese Unvollkommenheit des Werkes rechtfertigen mit dem bis heute nicht beendeten Kampf um Gleichberechtigung, trotz des ersten afroamerikanischen Präsidenten (Obama) und trotz offizieller Beendigung der Rassentrennung vor inzwischen Jahrzehnten. (Anm.: siehe dazu auch unseren Buchtipp: Christian Broecking Der Marsalis-Komplex)

Scharfkantige Gitarren-Sounds, Blueslicks und Jazz-Soul-Poetry: Elliott Sharp und Tracie Morris

Die Video-Visuals von R. Luke Dubois, projiziert über die Köpfe der Band, fährt Elliott Sharp eigenhändig vom Laptop ab. Darin kann man Rosa Parks und ihren berühmte Bus erahnen, in dem sie nicht auf die für Schwarze vorgesehenen Plätze ausweichen wollte und so einen Aufruhr auslöste. Man erahnt Martin Luther King, Jr. bei einer Rede an einem Stehpult und hört dazu Sharps scharfkantigen Gitarrensounds und das voluminöse Growling des massigen Sängers Eric Mingus und die Soul-Poetry-Voice von Tracie Morris. Bluesrock, Free Jazz und Noise-Kaskaden wechseln sich ab, das Werk fadet ohne wirkliches Ende aus. Die Geschichte der Rassentrennung und aller damit verbundenen Phantomschmerzen und echten Verletzungen ist noch lange nicht zu Ende.

Dass vier junge und offensichtlich erfolgreiche Musiker trotzdem unglaublich traurige, aber zumindest gelegentlich auch sehr kraftvolle Musik machen können, zeigt das Eva Klesse Quartett. Die Vier um die 28jährige Schlagzeugerin, die gerade mit DAAD-Stipendium in New York studieren darf, sind mit ihrem ersten Album auf Tour und konnten gleich beim Jazzfest landen, chapeau! Dennoch handelt es sich hier um einen akademischen Wohlfühlsound, bei dem man sich fragt, wo der jugendliche Biss und Spass an der Musik geblieben ist, bei all der ernsthaften Gruppenimprovisationen über ungerade Metren mit Titeln wie Ophelia, Kleine None, große Reise vom ENJA-Album Xenon. Doch trotz all der inzwischen etwas zu oft gehörten Innerlichkeit von zartfühlenden Jazzensembles kann Eva Klesse zeigen, dass sie vom Schlagzeughocker aus im Stande ist ihren Kuschelschal abzuwerfen, und eine Band in einem langen Crescendo von Stille zu einem musikalischen Powerplay zu führen, das ein Publikum begeistert und wo, wenn schon nicht Blut fließt, doch zumindest etwas Körperwärme entsteht.

Francesco Bearzatti und Tinissima 4tet mit Monk'n'Roll Monk-Melodie trifft Rock-Bass-Figur: Saxophonist Francesco Bearzatti und Tinissima 4tet mit Monk'n'Roll

Das dritte Konzert des Abends ist das genaue Gegenteil des vorangegangenen. Vier Musiker, die nach außen gehen, die sich nicht scheuen, die Superhits des Jazz (Kompositionen des Jazzheiligen Thelonius Monk) mit den Superhits aus Rock und Pop (Sting, Michael Jackson) zu vermengen und dem Publikum um die Ohren zu hauen. Die vier Italiener um den Saxophonisten und Klarinettisten Francesco Bearzatti (im FC St. Pauli-Toten-Kopf-Shirt!) grooven, solieren und spielen im Projekt Monk'n'Roll dermaßen unterhaltsam verrückt, dass es eine Freude ist. Der Trompeter Giovanni Falzone kann den Miles-Davis-Fahrstuhl-zum-Schaffott-Sound ebenso, wie Blues, dreckigen Funk oder einfach Pfeifen auf den dafür nicht vorgesehenen Löchern der Trompetenventile. Mit der Stimme springt er in Millisekunden vom tiefen Didgeridoo-Sound zum allerhöchsten Fiepen bei dem die Gläser klirren würden, wenn sie denn im Saal des Festspielhauses erlaubt wären. Die Masche ist überwältigend simpel: man nehme einen aus dem Radio bekannten Basslauf (Another One Bites The Dust, Billie Jean oder Walking On The Moon) und setze eine Monk-Melodie oben drauf (wie In Walked Bud oder 'Round Midnight). Auf dem dazugehörigen Album zitieren die vier anarchischen Italiener Monks berühmtes Cover als Partisan mit Knarre am Klavier. Am Ende des Konzerts klatscht das Jazzfestpublikum ohne im geringsten zu wackeln im Backbeat (auf zwei und vier!). Nach 50 Jahren Jazzfest ist der deutsche Marsch- und Schunkelrhythmus (auf eins und drei) endlich überwunden, hurra. Vielen Dank allein dafür, liebes Jazzfest!

Den Abend beendeten drei junge Schotten, zwei Jungs, ein Mädchen auf der Seitenbühne des Festspielhauses. Versteckt hinter einem Notenständer und konsequent im Sitzen spielend, quietschte und hupte sich Altsaxophonistin Rebecca Sneddon durch den Abend, flankiert von Colin Stewart an einem Rock-Elektrobass samt dazugehörigem Verstärkerungetüm von Orange, einem mannshohen Acht-Speaker-Kabinett, Distortion-Effektpedal. Die Bass-Saiten werden natürlich nicht mit dem Finger gezupft, sondern gerissen mit dem Plektrum. Für Jazzbassisten ist das von vorne bis hinten ein einziger unfassbarer Frevel. Am Schlagzeug ein sympathischer Haudrauf mit John-Lennon-als-er-noch-gewalttätiger-Rocker-war-Tolle namens Paul Archibald.

Rebecca Sneddon - Free Nelson Mandoomjazz Dröhnender Jazz Rock - aber nur im Sitzen und versteckt hinterm Notenpult: Rebecca Sneddon - Free Nelson Mandoomjazz

Dieses Trio, das scheinbar direkt aus einem schottischen Proberaum gecastet wurde, nennt sich Free Nelson Mandoomjazz. Bei dieser Dreierbande wird jedoch kein südafrikanischer Freiheitskämpfer aus seiner Einzelzelle befreit (wie gefordert im Song Free Nelson Mandela), sondern der Jazz aus dem Korsett des Jazz, also des Überflusses an Harmonien, Melodien, Rhythmen, Form, Klangkultur und überhaupt allem. Stattdessen muss sich das Saxophon in den Weiten endlos sich wiederholender Rock-Riffs in Zeitlupentempo orientieren. Die Folge: es schreit, fiept gurgelt und jammert vor Angst auf immer nur einem oder bestenfalls zwei drei Tönen, bis Publikum und Band völlig hypnotisiert und euphorisiert sind, von so viel demonstrativem Dilettantismus und Minimalismus. Frech wird dann auch noch behauptet hier würde Barockikone Domenico Scarlatti zitiert. Geschenkt, aber der Beweis ist gelungen: Schotten sind geizig und dieser dröhnende Geiz von Free Nelson Mandoomjazz ist einfach geil.

Fotos & Text: Oliver Hafke Ahmad

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Lusofone Wassermusik

Die diesjährige Ausgabe des Festivals Wassermusik im Berliner Haus der Kulturen der Welt widmete sich der Lusofonia, der vielfältigen Musik und Filmen aus dem portugiesischen Sprachraum in Europa, Südamerika und Afrika. Eine erneut großartige Festivalausgabe mit vielen musikalischen Entdeckungen, die nun zu Ende gegangen ist.

Hier ein paar Impressionen von einigen der insgesamt vier Wochenenden mit jeweils zwei Konzerten und mindestens einem Film pro Abend.

Maria de Medeiros ist portugiesische Sängerin, Schauspielerin und Regisseurin. Gekonnt vermengt sie lässigen Bar-Jazz mit Chanson und Bossa Nova. Sie parliert mit ihrem Publikum in Deutsch, singt Deutsch, Portugiesisch, Französisch und Englisch. Dabei erzählt sie von ihrer Kindheit in Wien als Tochter von Komponist António Vitorino D'Almeida, erweist dem französichen Dichter Artur Rimbaud und Jim Jarmushs Film Down By Law die Ehre, erwähnt aber ihren Auftritt in Tarantinos Pulp Fiction mit keinem Wort. Ihr Outfit und ihre Frisur erinnern dafür an Uma Thurmanns Look in dem Film.

Mit geschlossenen Lippen ist die multimediale Künstlerin wohl nur selten zu haben. Im Bildhintergrund Illustrationen aus ihren CD-Covers und Videos.

Ganz die Schauspielerin beherrscht sie die Kunst, sich ihrem Publikum nicht nur musikalisch hinzugeben.

Minimalist mit maximalem Groove: Marias großartiger Drummer Edmundo Carneiro (hinten im Bild) reichen eine Standtom, eine Snaredrum, drei Becken, ein Paar Bongos und seine Stimme um ein hochpräzises Rhythmusgeflecht zu erzeugen, das vom hämmernden Backbeat-Blues, über treibend Afrokubanisches und filigran Afrobrasilianisches bis zum Swing gespielt mit Besen aus Naturmaterial reicht (siehe unten). Zum expressiven Groove liefert Maria de Medeiros die großen Gesten. Dass Maria de Medeiros aber nicht nur leichtfüßige und hochhackige Entertainerin ist, sondern auch politisch engagierte Künstlerin, konnte man anschließend an das Konzert in ihrem Film Capitaes de Abril über die Nelkenrevolution im Portugal der 70er Jahre sehen.

Edmundo Carneiro: Swing mit Naturbesen.

Gute Laune und ein rhythmisches Feuerwerk, abgeschossen von Akustikgitarre und Stimme, das ist Neco Novellas aus Maputo.

Der Singer Songwriter, begleitet von einer extrem gut eingespielten vierköpfigen Band, zupft und schlägt nicht nur äußerst tanzbar die Akustikgitarre, sondern sing-rappt dazu, dass einem vor Vergnügen die Ohren wackeln.

Dieser Mann rast hin und her zwischen Jazz, Funk, Flamenco und Marrabenta, der mosambikanischen Tanzmusik und ist dabei auch körperlich immer in Bewegung: nur für Millisekunden halten seine Finger auf dem Griffbrett inne.
Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad - Berlin, 15.08.2014

Mit Joao Serra, dem Sänger der Conjunto África Negra aus Sao Tomé kam eine Prise James Brown gepaart mit der Energie eines Guerilla-Führers auf die Bühne.

Auch nach 40 Jahren kein bißchen müde: Joao Serra und seine langjährigen Weggefährten.

Unter dem Glitzerhemd befindet sich der Kampfanzug: Joao Serra nun im Dienst. Mit den richtigen Vorbildern lässt sich mitreißende Musik machen.

Das lusofone Publikum singt mit.

Wer kein Mikro hat, tanzt einfach.

Das Publikum der Band África Negra hat diesen Auftritt offensichtlich sehr genossen.

Fest im Blick der digitalen Medien war auch das Ensemble Nhambavale mit feinsinnigem Singer-Songwriting aus Mosambik.

Dem Bandleader Rui Martins kam irgendwie die gute Laune abhanden, seine Sängerin strahlte umso mehr.
Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad - Berlin, 02.08.2014

Emotionalität und Gesangskunst auf höchstem Niveau, damit beeindruckte die kapverdische Sängerin Mayra Andrade ihr Publikum. Andrade singt Portugiesisch (Rosa), Englisch (We Used To Call It Love) und auch sehr bezaubernd auf Französisch (Comme s´il en pleuvait vom Album Navega). Sie beherrscht die Klangfarben ihrer Stimme von dunkel und angerauht zu hellem Sopran.

Ein Messer, das rhythmisch auf einer Metallstange gewetzt wird, erzielt einen intensiven perkussiven Effekt und gibt der Sängerin etwas Kämpferisches. Mayra Andrade erneuert in ihrer Musik die kapverdische Morna um Einflüsse aus Reggae, Pop, Rock und sehr geschmackvollen elektronischen Klängen von ihrer französischen Pianistin und Keyboarderin.

Den Abend eröffnete eine veritable Big Band aus Brasilien, eine absolute Rarität im Berlin Konzert- und Festivalbetrieb. Geleitet wird sie vom Saxophonisten Daniel Nogueira und heißt Projeto Coisa Fina. Sie widmete sich der Musik des Komponisten Moacir Santos und anderen Größen der brasilianischen Musik und vereint dabei afrobrasilianische Rhythmik mit jazzigen Harmonien und Instrumentarium. Der Sänger ist Flavio Tris.
Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad - Berlin, 25.07.2014

Sergio Mendes beim Copa da Cultura im HKW

Beim Auftritt auf dem Dach des Berliner Haus der Kulturen der Welt geizte Tropicalia-Legende Sergio Mendes nicht mit seinen Hits und hatte mit dreiköpfigem Chor, Keyboard, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Percussion und einem Rapper ein großes Ensemble dabei.

Wie auch schon auf seinen letzten Alben schlug der brasilianische Pianist, Sänger und Komponist den Bogen von Samba, Bossa Nova und Easy Listening-Pop der 60er-Jahre zu Funk und HipHop.

Ganz der professionelle Entertainer hatte Sergio Mendes Publikum, Band und Tasten voll im Blick und im Griff. Kein Wunder bei einer Setlist mit mitreißenden Songs wie Agua de Beber, Mas Que Nada oder Magalenha und nahezu tropischen Temperaturen bei einem traumhaften Sonnenuntergang im Berliner Tiergarten direkt an der Spree.

Gesungen wurden die Stücke vom dreiköpfigen Engelschor und vom Meister im Anzug mit Stecktuch, Hut und sommerlich bunten Ringelsocken.

Schön anzusehen und anzuhören - mit diesem Kulturprogramm aus Anlass der Fußball-WM lassen sich all die Probleme und Ungereimheiten rund um die Stadien in Brasilien zumindest kurzzeitig vergessen und einfach wegtanzen.
Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad - Berlin, 07.07.2014


Archiv

Jazzlegende Pharoah Sanders verneigt sich vor den Wurzeln der Musik

Das Jazzfest Berlin 2013 eröffnete am Donnerstag mit Jazz und afrikanischer Perkussion, nord- und westafrikanischen Musikern, Tastenderwisch Joachim Kühn, Saxophonlegende Pharoah Sanders und dem jungen Trompeter Christian Scott.
Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad - Berlin, 1.11.2013

Mit dem Sound von Afrika beginnt das diesjährige Berliner Jazzfestival, das am Mittwochabend mit dem atmosphärisch dichten Dokumentarfilm „Transmitting“ über Joachim Kühns Reise nach Marokko und am Donnerstag mit dem dazugehörigen Konzert eröffnet wurde. Gnawa Jazz Voodoo heißt das Projekt des agilen 69-jährigen deutschen Pianostars Joachim Kühn mit Musikern aus Marokko, Benin und dem Senegal, das in einer orchestralen Variante bereits mit der NDR Big Band vor Jahren auf dem Jazzfest zu hören war.

Joachim Kühn und Pharoah Sanders Joachim Kühn, Pharoah Sanders und Majid Bekkas lassen Jazz und afrikanische Musik aufeinander prallen

An diesem Abend ergänzt die 73-jährige Saxophonlegende Pharoah Sanders als prominenter Gast auf der Bühne das ansonsten rein europäisch-afrikanische Projekt. Sanders arbeitet als Vertreter der Fire Music der 60er Jahre bereits ein halbes Jahrhundert an der Fusion von Jazz und afrikanischer Musik. Im Sport würde man dies Eigenblutdoping nennen und es hat auch künstlerisch äußerst beeindruckende Werke hinterlassen. Im Berliner Festspielhaus lässt Sanders sein hymnisches Tenorsaxophonspiel aufleben und sucht seinen melodischen Weg zwischen Joachim Kühns Powerplay am Flügel und der Perkussionbatterie mit Congas, Djemben, marokkanischen Metallschellen und einem Jazzschlagzeug, gespielt von Kühns spanischem Triopartner Ramón Lopez. Pharoah Sanders verneigt sich am Ende des Abends vor den afrikanischen Perkussionisten und geht vor Ihnen und gleichsam vor den Wurzeln aller Musik, nicht nur der afroamerikanischen, in die Knie.

Joachim Kühn und Pharoah Sanders Jazz trifft auf marokkanische Gnawa und westafrikanische Voodoo-Kultur

Tontechniker Walter Quintus mischt den Saalton im Berliner Festspielhaus leider zugunsten der Rundfunkaufnahme ab, sodass einiges von Kühns und Sanders Spiel schlichtweg im Perkussionsfeuerwerk untergeht. Kühns marokkanischer Partner Majid Bekkas an der Basslaute aus Kamelhaut namens Guembri sorgt für das groovende harmonisch-melodische Fundament und bringt mit seiner Stimme den Blues der arabischen Welt ein. Es ist eine nicht enden wollende Jam Session mit Conga- und Djembesoli und Tanzeinlagen, die anschließend auf der Seitenbühne des Festspielhauses noch unter dem Titel Joachin Kühn & Friends bis spät in die Nacht fortgesetzt wird. Berührend ist das Duo zwischen Pharoah Sanders und Kühn zu Beginn eine der drei 30minütigen musikalischen Meditationen über Europa, Afrika und den Jazz. Davon wünscht man sich vielleicht sogar ein ganzes Album!

Joachim Kühn und Pharoah Sanders Extase auf der Bühne des Berliner Festspielhaus beim Gnawa Jazz Voodoo-Projekt von Joachim Kühn featuring Pharoah Sanders

Vor Kühns Gnawa Jazz Voodoo spielte der aus New Orleans stammende Trompeter Christian Scott und sein Sextett das Berliner Jazzfestpublikum in Stimmung. Scotts dezent rockiger Modern Jazz versöhnt den elektrischen Jazz eines Miles Davis mit dem intellektuellen Blues eines Thelonius Monk. Stretch Music nennt sich dieser Spagat, in dem ein an Bitches Brew erinnerndes Rockriff im 7/4-Takt und eine fast süßliche angejazzte Soulballade gesungen von Christian Scotts Frau Isidor zusammen gehen. Christian Scotts Trompetenspiel ist virtuos, aber dennoch nicht nur kalkuliert, Scott lässt auch Schreie seiner Trompete entfliehen.

Trompeter Christian Scott, Altosaxophonist Braxton Cook und Bassist Kris Funn spielen virtuos Themen der Gegenwart und Vergangenheit

Ein solcher Aufschrei hätte auch der Song „Ku Klux Police Department“ werden können. In ihm spiegeln sich Scotts Gefühle nach einer willkürlichen Bedrohung durch Polizisten in seiner Heimatstadt New Orleans mit einer an den Kopf gehaltenen Pistole. Der Song, komponiert direkt im Angesicht dieser Situation, ist aber erstaunlich wenig wütend geraten, eher traurig. Ein weiterer Gast auf der Bühne von Christian Scott ist der Saxophonist Richard Howell. Scott kündigt ihn als großartigen Lehrer an, und der revanchiert sich als großartiger Improvisator auf dem Sopran und erinnert sowohl an John Coltrane, als auch an Miles-Saxophonist Bill Evans. Scotts ansonsten blutjunge Band spielt, obwohl alle gerade mal Anfang Zwanzig sind, bereits geradezu altersweise und souverän. Braxton Cook glänzt mit trockenem und dunklem Timbre und rhythmischer Präzision sowohl auf dem geschwungenen, als auch auf dem seltenen geraden Altsaxophon.

Dark Energy: Christian Scotts Trompetenspiel strahlt auch außerhalb des Scheinwerferlichts

Christian Scott leitet die Band mit der Dynamik eines Sporttrainers, er motiviert, feuert an, klopft Schultern, ruft quer über die Bühne, gibt Anweisungen, moderiert souverän die Stücke an. Ein junger Künstler, dessen weiße Sneaker an die HipHop-Kultur, dessen blaues Jeanshemd an die Landarbeit im Süden der USA und dessen Muschel-, Korallen und Knochenketten an die afrikanischen Vorfahren erinnern und dessen aufgetürmte Haartolle wie Luftwurzeln die atmosphärischen Schwingungen und Spannungen des Hier und Jetzt aufnimmt. Ein spannender Auftaktabend beim Jazzfest Berlin 2013 und möglicherweise bereits der Höhepunkt des viertägigen Jazzspektakels im Festspielhaus, in den Jazzklubs A-Trane und Quasimodo und in der Akademie der Künste, wohin die eher free jazzigen Konzerte aus dem Erbe des abgewickelten Total Music Meeting ausgelagert wurden.

Soul am Trapez

Eine Varietéshow mit Soul-Musik? Eine gute Idee, findet der Autor dieser Zeilen und hat sich die Premiere von All Night Long im Berliner Wintergarten angeschaut.
Text: Oliver Hafke Ahmad - Berlin, 11.10.2013

Das Varietétheater in Berlins Potsdamerstraße, nahe dem Potsdamer Platz hat sich bereits im letzten Jahr ein Musikgenre zum Thema gemacht, nämlich Rock-Musik. Nun ist also Soul dran, der Sound der in den 60er Jahren in Amerikas Detroit Fahrt aufnahm, und bis heute weltweit immer wieder neu recycelt wird.

Der Abend im Wintergarten beginnt mit einem Video, Aufnahmen von Straßenmusikern in den USA, Mexiko, den Niederlande, Italien, die alle den gleichen Song singen: Stand By Me. Ein sehr, vielleicht sogar etwas zu besinnlicher Start für die Show, die dadurch schwer in Gang kommt. Doch die Hauptstimmen des Abends, die von Sängerin Della Miles und Sänger Colin Rich, beides amerikanisch-stämmige Lokalgrößen mit viel Erfahrung auch weit über Berlin hinaus, reißen das Publikum ziemlich schnell mit.

Ebenso der blinde Pianist und Sänger Ryan S., der gleich zu Beginn mit Giorgia On My Mind den Soul als eine der wichtigsten zeitgenössischen Musikstile feiert. Dazu jongliert Francoise Rochais mit Sonnenschirmen aus Spitzenstoff. Sie sollen an einen Garten in den Südstaaten erinnern, was man aber nur aus dem Programmheft erfährt, nicht aus dem Bühnenbild.

Zu James Browns Song "I ´m a Soul Man" klettert der Artist Yeneneh Tesfaye auf einer frei schwebenden Leiter herum, macht Hand- und Kopfstand und waghalsige Sprünge. Maurice Ravels Bolero wird von Della Miles in der afrikanischen Fon-Sprache interpretiert, dazu tanzt Lea Hinz in einem weißen Röckchen.

Bei Alicia Keys "Falling" und "Girl On Fire", mitreißend wie im Original gesungen von Della Miles, wirbelt das Artistenpaar Emily und Denis derartig spektakulär und athletisch an einer von der Decke hängenden Stange, dass einem schon vom Zusehen schwindlig wird. Die AAC Boys machen ebenfalls schwindelig, in dem der größere den kleineren zur Musik von Earth Wind and Fire auf seinen Füßen in die Luft schleudert und dort rückwärts Salti und Schrauben drehen lässt und das bis zu 20 mal hintereinander.

Nach der Pause steht mit Ikenna das männliche Double von Whitney Houston auf der Bühne und erzählt seine Geschichte vom kleinen musikbegeisterten Berliner Jungen, der um die Ecke des Wintergarten aufgewachsen ist und mit Umwegen über Hong Kong und Las Vegas nun auf der Bühne des legendären Varietés gelandet ist. Kaum zu glauben, dass ein Mann mit Korkenzeiherlocken und auf Highheels nicht nur so aussehen kann wie die kürzlich verstorbene Souldiva, sondern auch Whitneys Welthits mit Bravour live singen kann.

Der Soul-Varieté-Show im Berliner Wintergarten mangelt es nicht an großartigen Stimmen, es mangelt auch nicht an teils atemberaubenden Varieté- und Akrobatikacts, aber was der Show fehlt, ist eine Geschichte. Die Geschichte des Soul mit ihrer engen Verbindung zur Bürgerrechtsbewegung in den USA und dem großen Finale mit dem ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus, hätte dazu den wahren und treffenden Kern liefern können. Leider hat der Regisseur Frank Müller diese Chance ungenutzt liegen lassen und beraubt so die Show ihrer möglichen Relevanz über das musikalische, artistische und das rein unterhaltsame hinaus. Sehr schade!

Glanzvolle Unterhaltung und großartige Stimmen, eine tolle Band unter der Leitung von Gitarrist Jan Stolterfoht, sowie rasante Nummern gibt es stattdessen reichlich. Hingehen lohnt sich also trotzdem.

All Night Long - die Soul Varietéshow ab sofort bis zum 9. Februar 2014 im Berliner Wintergarten.

 
     





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